„Im Netz fehlt der Spaßfaktor“

Fahrrad-Versteigerung vor dem Rathaus

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Erster Stadtrat Michael Möser schwang den Hammer, Bürgermeister Roger Winter animierte zum Kauf: Die Entscheidung, die Fahrräder nicht online zu verkaufen, hat am Ende niemand bereut.

Obertshausen - Die Szenerie hatte etwas von einem Freiluft-Theater. Aber es war nicht die prominente Besetzung auf der Bühne vor dem Rathaus, die mehr als 100 Besucher vor die Showtreppe lockte, sondern 30 Drahtesel – einer auffälliger als der andere. Von Michael Prochnow 

Jahrelang erledigte die Stadtverwaltung die obligatorische Versteigerung ihrer Fundsachen im Internet, so wie das im 21. Jahrhundert und mittlerweile in vielen Kommunen üblich ist. „Aber im Netz fehlt der Spaßfaktor“, lehrte Bürgermeister Roger Winter – und Spaß hatten nicht nur er und Erster Stadtrat Michael Möser. Letzterer schwang den eigens besorgten, kunstvoll gedrechselten Holzhammer und hieb ihn lustvoll auf das Sprecherpult mit dem textilem Stadtwappen auf der Frontseite. Der Rathauschef animierte die Besucher und steigerte seine rhetorischen Künste von Rad zu Rad. Eine Steilvorlage bot ihm freilich ein Stahlross der Marke Fischer, bei dem doch allein der Name die fünf Euro wert sein müsse, mit denen er den Artikel aufrief. „Mindestens“, tönte es aus den hinteren Reihen aus dem Munde von Michael Fischer, dem Vorsitzenden des Event-Kulturclubs Just4Fun.

Der bereicherte das unterhaltsame Ereignis an der Schubertstraße mit einem Stand und dem Verkauf von kalten Getränken und heißer Wurst. „Das geht halt im Internet nicht“, überzeugte Winter auch den letzten Freund des Online-Handels. Viele waren schon eine halbe Stunde vor dem Auktionsstart gekommen, um die Ware hinter dem Absperrband unter die Lupe zu nehmen, den Reifendruck zu prüfen und sich die langen Nummern-Kombinationen von den DIN-A4-Zetteln zu notieren.

Mehrere Stammgäste städtischer Versteigerungen äußerten sich enttäuscht, kein Handy, kein Schmuck, kein Überraschungspaket in Form eines ungeöffneten Koffers bot die Veranstaltung. Das lag auch daran, dass kurz bevor die Frist verstrich, noch einige Eigentümer ihren Besitz identifiziert und abgeholt haben, informierte Christina Schäfer, Sprecherin aus dem Rathaus. Dafür konnten sich die zweirädrigen Schätze sehen lassen: topmoderne Mountainbikes, schlichte Damen-Modelle, knallige Kinderrädchen – alles da.

Stadtrat Möser hatte die Pflicht übernommen und auf mangelhafte Bremsen, fehlendes Rücklicht und reparaturbedürftige Gangschaltungen hingewiesen. Viele Fundstücke waren jedoch in einwandfreiem Zustand oder, auf Amtsdeutsch, „fahrbereit“. Die Typen mit den grellen Farben auf Rahmen und Reifen brachten an die 100 Euro. Auf 275 schaukelten zwei Bieter ein attraktives, schweres Holland-Fahrrad hoch – Jan Scherg vom Fundbüro staunte als Kassierer in der Empfangsloge nicht schlecht über den Geldsegen für die Stadtkasse.

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Nur wenige Angebote schleppte Patrick Kallenberg umsonst vor den Rathauseingang. Beim einzigen nichtmobilen Artikel des Nachmittags war das nicht der Fall: Eine Besucherin ließ sich für die Gasbetonsäge erwärmen, für die Möser nach Einsätzen mit vergleichbarem Gerät auf der eigenen Baustelle überzeugend warb.

Zum Team auf der Verwaltungsbühne zählte auch DJ Leo, der das gesellige Treffen mit angesagten Schlagern untermalte. So sind es nicht nur die rund 1000 Euro für den Stadtsäckel, sondern das Unterhaltungspotenzial, das den Bürgermeister entscheiden ließ: „Das machen wir auch nächstes Jahr so!“

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