Fehlende Akzeptanz als Problem

Jörg Engelhardts Depressions-Selbsthilfegruppe für Männer in Obertshausen wird fünf

Im Gespräch: Jörg Engelhardt möchte Depressionen mehr ins öffentliche Bewusstsein bringen.
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Im Gespräch: Jörg Engelhardt möchte Depressionen mehr ins öffentliche Bewusstsein bringen.

„Um es banal zu sagen: Ich habe sie gegründet auf Anraten meiner damaligen Therapeutin“, erinnert sich Jörg Engelhardt. Er hat vor fünf Jahren eine Selbsthilfegruppe für Männer mit Depressionen ins Leben gerufen. Aus der Empfehlung, sich einer Männergruppe anzuschließen, entwickelte Engelhardt schließlich die Idee, gleich eine Selbsthilfegruppe zu gründen.

Obertshausen – Da er aber keinerlei Erfahrung hatte, was es heißt, eine solche Gruppe zu gründen und zu moderieren, fand er Unterstützung durch das Selbsthilfebüro Offenbach des Paritätischer Wohlfahrtsverbands. „Ich kannte gemischte Gruppen aus der Therapie“, erinnert er sich. „Aber auch wenn das Krankheitsbild gleich ist, waren die Rollenbilder bei Mann und Frau immer noch sehr stark verankert.“ Es habe einfach bestimmte Themen gegeben, über die man dann nicht sprechen konnte.

Bei seiner Recherche stellte Engelhardt fest, dass es zwar gemischte Gruppen und solche für Frauen gibt, aber im ganzen Rhein-Main-Gebiet kein entsprechendes Angebot für Männer existiert. „Ich kann jetzt sagen, dass sich meine Mitstreiter nun zu bestimmten Themen äußern können, ohne sich vor einer Frau schämen zu müssen – daher war es die richtige Entscheidung.“ Dies werde ihm immer wieder von „seinen“ Männern bestätigt.

Generell seien solche Gruppentreffen für depressive Menschen sehr wichtig. „Es gibt ein Gefühl der Gemeinschaft“, sagt Engelhardt, „die Menschen wollen verstanden werden; was im privaten Bereich aber leider oft nicht der Fall ist.“ Die fehlende Akzeptanz sei oft ein Problem: „Ein Satz, den die Kranken nicht hören wollen, aber immer wieder gesagt bekommen, ist: Stell dich doch nicht so an.“

„Wie ein Stein auf der Brust“

Das Gefühl der Depression beschreibt Engelhardt mit einem Stein auf der Brust. „Man will aufstehen, aber es geht einfach nicht.“ In schlimmen Phasen könne man sogar weder Gefühle empfinden, noch zeigen. „Sie sehen, dass Ihre Frau oder Ihr Kind Sie in den Arm nimmt und Sie spüren nichts; Sie sehen es, aber das Gefühl kommt nicht an.“ Es sei zudem ein Unterschied, ob der Betroffene im Beruf stehe oder nicht. Berufstätige verschweigen oft ihre Krankheit und versuchen, innerhalb der Gesellschaft zu funktionieren, berichtet Engelhardt. „Man setzt sich quasi eine Maske auf und verschleiert seinen Zustand. Das ist so anstrengend, dass mit den meisten nach Feierabend nichts mehr anzufangen ist.“ Irgendwann komme dann als Folge der Zusammenbruch, weil man dem Druck nicht gewachsen sei. „Zu oft wird auch heute noch von der Gesellschaft eine Depression als Schwäche dargestellt und nicht als teilweise tödlich endende Krankheit.“

Für Kranke außerhalb des Berufs bestehe die Schwierigkeit, eine Tages- und Wochenstruktur zu erstellen und diese auch umzusetzen. Daher sind die Gruppentreffen, die zu Fixterminen stattfinden, hilfreich für die Teilnehmer. Das gebe ihnen Struktur. Für Laien sei die Krankheit oft nicht von schlechter Laune zu unterscheiden. „Die Betroffenen werden schweigsam, traurig, lust- und antriebslos, haben unter anderem auch kein Interesse mehr an ihren Hobbys und ziehen sich immer mehr zurück“, erläutert Engelhardt, „wenn solche Symptome über eine Woche oder länger auftreten, sollte man langsam anklopfen“.

Dabei sei es ein Unterschied, ob man es sich an sich selbst oder jemand anderem wahrnehme. „Man selbst nimmt das nicht als Depression wahr, sondern holt sich gern andere Gründe dafür her“, erinnert er an seine eigenen Erfahrungen. „Damals habe ich mich nur von Kaffee und Müsliriegeln ernährt, stark abgenommen und in der Arbeitswelt nur noch funktioniert.“ Erst seine Hausärztin sei hellhörig geworden. „Für jemanden, der es wahrnimmt und reflektiert, ist es eine gute Entscheidung, zum Hausarzt zu gehen; aber es braucht oft jemanden, der einen am Anfang anschiebt.“

Die Situation sei vor allem für die Angehörigen schwierig. Diese könnten zwar Hilfe anbieten, sollten aber auf keinen Fall Druck ausüben, etwa zur Vereinbarung eines Therapietermins.

Gruppensitzungen derzeit nur mit drei Personen

Die Kontaktaufnahme zur Gruppe ist laut Engelhardt ein wichtiger Schritt. „Zu Beginn haben wir immer eine Art Kennenlerngespräch.“ Während dieses Gesprächs werde geschaut, ob das Krankheitsbild erfüllt ist und ob der Gegenüber stabil genug sei. „Ansonsten ist es egal, wie alt die Person ist und ob sie aus Obertshausen oder Oberursel kommt.“

Die Gruppe, an deren Sitzungen zu Pandemiezeiten lediglich drei Personen teilnehmen dürfen, setzen sich aus allen Alters- und Sozialschichten zusammen. Trotzdem habe es noch nie Probleme gegeben. „Wir haben alle das gleiche Thema und unterstützen uns.“ So freuen sich die erfahrenen Mitglieder etwa immer, dass die Neuen einen Schritt in die richtige Richtung getan haben. Gleichzeitig profitieren die „Neuen“ von den Erfahrungen der anderen Teilnehmer. „Es hilft einfach, Menschen kennenzulernen, denen es wie einem selbst geht“, sagt Engelhardt, verweist jedoch darauf, dass die Gruppenmitglieder alle auf unterschiedlichen Stationen ihres Weges seien.

Wegen der reduzierten Gruppengröße, hat Engelhardt die Anzahl der Sitzungstermine auf acht im Monat erhöht. „Depressive Menschen können nur schwer damit umgehen, wenn sie abgelehnt werden, daher habe ich reagiert.“ Für die Neulinge habe es jedoch auch Vorteile, da die Hürde bei weniger Personen niedriger sei.

Innerhalb der vergangenen fünf Wochen hat Engelhardt mit fünf neuen Interessenten Erstgespräche geführt: „So viele Neue innerhalb so kurzer Zeit, hatte ich bisher nicht“, sagt er und vermutet hinter dem Anstieg die Pandemie-Situation.

Anlässlich des fünften Geburtstags wollte Engelhardt eigentlich eine Feier mit allen Mitgliedern und Angehörigen steigen lassen. Dies ist zurzeit aber nicht möglich. „Es ist nur aufgeschoben nicht aufgehoben“, versichert der Gruppenleiter.

Betroffene, Angehörige und Interessierte können sich unter z 06104 789927 oder per Mail an info@shg-maenner-depression.de bei Jörg Engelhardt melden. (Jan Max Gepperth)

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