Mit Türen getanzt

Gaststätten in Obertshausen: Wirtsehepaar Gäbler erinnert sich an lustige Zeiten

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Erinnerung an früher: Traudi und Erhard Gäbler 1992 hinter der Theke der Alten Schmiede.

Alte Zeiten in Obertshausen: Die Wirtsleute der Kneipen „Zum Henninger“ und „Zur alten Schmiede“, Traudi und Erhard Gäbler, erinnern sich. 

Obertshausen – Nach der Arbeit in die Kneipe zu gehen, sich dort zum Feierabendbier und auf ein Schwätzchen zu treffen – das war früher gang und gäbe. Auch in Obertshausen gab es damals viele Gaststätten, die vor allem der älteren Bevölkerung noch ein Begriff sein dürften. Die Wirtsleute der Kneipen „Zum Henninger“ und „Zur alten Schmiede“, Traudi und Erhard Gäbler, erinnern sich.

Der gelernte Metzger und die Friseurin kamen Ende der 1950er-Jahre nach ihrer Flucht aus der DDR nach Obertshausen. Da der Gastronom selbst aus einer Wirtsfamilie stammt, hatte er bereits länger mit dem Gedanken gespielt, eine Kneipe zu eröffnen, was in Frankfurt allerdings zu teuer war. Als sich dem Ehepaar 1971 jedoch die Möglichkeit bot, die Kneipe „Zum Henninger“ von einem Bekannten zu übernehmen, zögerten sie nicht lange. „Natürlich war das ein ziemliches Risiko“, resümiert der Wirt. Allerdings ließen die Gäste nicht lange auf sich warten, und schon bald hatte sich die Kneipe neben anderen wie dem „Gambrinus“, „Bierbrunnen“ und der „Gut Stubb“ etabliert. Die Spezialität der Gäblers waren halbe Hähnchen – außerdem gab es übliche Speisen wie Currywurst, Schnitzel und Pommes.

Obertshausen: Musikbox, Flipper und Spielautomat durften nicht fehlen

Wie es sich für die damalige Zeit gehörte, durften Musikbox, Flipper und Spielautomat natürlich nicht fehlen. So wurde an jedem Monatsende die Musikbox mit den neusten Platten ergänzt. Jene Schlager, die bereits ihren Zenit überschritten hatten, mussten weichen. „Die kleine Kneipe in unserer Straße von Peter Alexander war ein Dauerbrenner“, weiß der Gastronom noch. Für einige Pfennige konnte jeder sein Lied der Wahl abspielen. Dabei kam es nicht selten vor, dass derselbe Titel bis zu 20 Mal am Tag lief. „Die Musik ging von früh bis spät “, erinnert sich die Wirtin. Der Flipper entschied häufig darüber, wer die nächste Runde ausgeben musste. „Natürlich wurde auch viel Skat gekloppt und gewürfelt“, ergänzt Erhard Gäbler.

Gerade wenn die Mittagspause der vielen Leder-Fabriken und der Firma Karl Mayer näher rückte, war es damals an der Zeit, Bier vorzuzapfen, da die Arbeiter nur 30 Minuten Zeit hatten. Außerhalb dieser Stoßzeiten war das Klientel in der Wirtschaft bunt gemischt – „Vom Fließbandarbeiter bis hin zum Direktor“, erzählt der Wirt. Nach Feierabend war die Kneipe für viele wie ein zweites Wohnzimmer und hinter der Theke habe man sich so manches Mal wie ein Priester im Beichtstuhl gefühlt, erinnern sich die Eheleute. „Was mir für Sachen erzählt wurden, da könnte ich ein ganzes Buch drüber schreiben“, sagt Traudi Gäbler und lacht.

Früher Huhn, heute Pizza: Die Gaststätte „Zur alten Schmiede“ an der Kantstraße ist inzwischen ein italienisches Restaurant.

Nach knapp zehn Jahren von morgens bis abends hinter dem Tresen sei es an der Zeit gewesen, eine Pause zu machen. Als die Gaststätte „Zum Henninger“ ihre Türen schloss, wurde es vorerst ruhig um die beiden, bis sie 1989 ihre zweite Wirtschaft „Zur alten Schmiede“ öffneten. Die alte Stammkundschaft fand schon bald wieder ihren Weg in die Kneipe der Gäblers – und mit ihr die besondere Atmosphäre.

„Es wurde eine Menge Blödsinn getrieben“, erinnert sich der Wirt, „So kam es auch öfters vor, dass zu Geburtstagen lebende Ferkel verschenkt wurden, die dann den Abend lang in der Kneipe umherliefen.“ Einmal, erzählt er lachend, seien zwei junge Frauen an einem dieser Geburtstage in die Kneipe gekommen, um ein Schnitzel zu bestellen. Als er sie fragte, ob es denn ganz besonders frisch sein solle – und sie dies bejahten – scheuchte er das Schwein unter einem Tisch hervor und lief ihm – ein Messer in der Hand – durch die Kneipe hinterher. „Das war natürlich ein großer Spaß für die Anwesenden und das Ferkel kam auch nicht zu schaden“, erinnert er sich und lacht. Die beiden jungen Frauen habe er danach allerdings nie wieder gesehen.

Die wichtigste Anschaffung in den 1970er Jahren: Ein Fernseher für die Gaststätte

Als Anfang der 1970er-Jahre das Farbfernsehen modern und bezahlbar wurde, investierten auch die Gäblers in ein Gerät. Der Kneipier jedoch ließ es sich nicht nehmen, seinen Gästen einen kleinen Streich zu spielen und stellte einen Eimer hinter den Fernseher. Als er ihn erstmals vorführte, erklärte er, dass man in dieses Modell erst die Farbe hineinschütten müsse. „Ich habe also verschiedenfarbige Säfte in den Eimer hinter dem Fernseher geschüttet. Als ich ihn dann anmachte, staunten alle – das hätten sie noch nie gesehen“. Anschließend, ergänzt die Wirtin, habe in Obertshausen das Gerücht die Runde gemacht, der Gäbler habe einen Farbfernseher, der erst aufgefüllt werden müsse. „Das hat natürlich für Heiterkeit gesorgt, als es aufflog.“ Auch sonst sei es nie langweilig geworden, erinnern sich die Gastgeber: Sei es, wenn an Fasching Toilettentüren ausgehängt und mit ihnen getanzt wurde, Gäste Sekt aus Pumps tranken oder betrunken, durch Freunde angezogen, mit drei Mänteln an und vier Hüten nach Hause gingen. „Am nächsten Tag kamen sie dann und brachten die überzähligen Kleidungsstücke zurück.“

Und wie aus der Region nicht wegzudenken gab es auch in der Kneipe die zwei Fanclubs von Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt. So hingen von beiden Mannschaften Flaggen an den Wänden. Sie selbst mussten da neutral bleiben, erzählen die Wirtsleute. „Ein Gast hat zu mir gesagt, ich solle doch zu den ,Scheiß Bayern‘ gehen, daran habe ich mich dann auch gehalten“, witzelt Erhard Gäbler. Auch sonst war die Kneipe geprägt von den verschiedenen Gästen. Monteure der Firma Karl Mayer etwa brachten Geldscheine aus aller Welt mit, die dort an der Wand hingen.

Dass diese Kneipenkultur heute nicht mehr so ausgeprägt ist wie früher, bedauern die Eheleute, „In der Kneipe war immer was los.“ Früher habe man das, was heute im Internet erledigt wird, in der Kneipe getan: Die neusten Geschehnisse im Ort diskutieren, Kontakte pflegen. Umso schöner sei es jedoch, ehemalige Gäste zu treffen und sich mit ihnen zu erinnern.

von Lucy Gäbler

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