Gehörlosen-Silvesterparty

Still heißt nicht ruhig

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Die Premiere: Gehörlose feiern den Jahreswechsel, wo bis Sommer ihr neues Zentrum fertig sein soll. Und zum Feuerwerk raus: Am Rande der Gehörlosen-Silvesterparty.

Obertshausen - „Bitte genau auf den gelben Punkt drücken“, fordert ein Schild über der Klingel auf. Wer dem Folge leistet, löst im Inneren gleich in mehreren Räumen ein helles, blinkendes Licht aus. Von Michael Prochnow

An der Heusenstammer Straße 4 steigt die wohl ruhigste Silvesterfete Obertshausens, obwohl sich die Teilnehmer angeregt unterhalten und der Musikantenstadl auf eine riesige Leinwand projiziert wird. Der Gastraum der einst stadtbekannten Spelunke ist nun die neue Heimat von Gehörlosen aus der weiteren Umgebung. Bis aus Frankfurt, Rüsselsheim, Ingelheim, Friedberg und Hanau sind sie an diesem Abend gekommen. „Das Angebot spricht sich herum“, erklärt Wolfgang Keller. Die meisten der 20 Gäste stammen aus Offenbach, wo der Gehörlosen-Verein und seine Sportgemeinschaft im Jahr 1900 gegründet worden ist und lange Zeit Räume der evangelischen Kirchengemeinde an der Arthur-Zitscher-Straße genutzt hat. Der Hausener Keller ist mit einem taubstummen Vater aufgewachsen, der als begnadeter Fußballer gefragt war. Auch seine Ehefrau und der Nachwuchs verfügen über fast kein Hörvermögen, die Tochter ist Hessenmeisterin im Kegeln und Vorsitzende der Gehörlosen-Sportgemeinschaft (GSG). „Die haben sogar Deutsche Meistertitel geholt“, berichtet Keller, der als Gerichtsdolmetscher tätig ist und die Gebärdensprache perfekt beherrscht.

Die Feiernden fuchteln scheinbar wild mit den Armen, schauen sich mit weit geöffneten Augen an und scheinen mit dem Lippen überdeutlich Worte zu formen. Manchmal sind Lachen und Stoßlaute zu vernehmen; einige sind in der Lage, sich mit Lauten zu artikulieren. Aber mit den Gesten geht’s einfach schneller. Für das gigantische Bild mit den Untertiteln, die selbst die Texte der Volksmusik aus Klagenfurt anzeigen, interessiert sich die Gruppe erst, als sich die Zeiger der „12“ nähern. Winfried Kunze, der Vorsitzende des Vereins, schreitet die Treppe von der Küche mit einem Tablett voller Sektgläser hinab, um sie an der großen Tafel zu verteilen. Der Obertshausener Rolf Meixner war es, der mit einigen erfahrenen Handwerkern aus den Reihen der Gehörlosen die Immobilie auf Vordermann brachte. So halfen ihm der Schreiner Heinz Michel und der Heizungsinstallateur Matthias Winkler, die Technik zu erneuern.

„Durchs Dach hat’s reingeregnet, Mauern waren verfault, Rohre kaputt“, erzählt der Kommunalpolitiker, dessen Frau und Tochter auch hörgeschädigt sind. Mit seinem Team hat er Kabel und Fußböden verlegt, neue Sanitäranlagen eingebaut, die Wände angelegt. Jetzt sollen Dächer der Nebengebäude saniert werden, kündigt Meixner an, im Sommer soll das Heim offiziell seiner Bestimmung übergeben werden. Es ist von der Stadt gepachtet, der Kreis zahlt den Zins. Dann soll die Adresse zum Anlaufpunkt für alle 200 bis 300 Betroffenen in Stadt und Kreis werden. Dazu zähle eine regelmäßig Beratung in sozialen Fragen. Bereits im März referieren Fachleute von der Awo über gesunde Ernährung und Diabetes.

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