Mildes Urteil nach einem „Versäumnis“ der Ermittler

Geld eines Obertshausener Senioren abgehoben

Die Putzfrau des Senioren wird beschuldigt ihn um 25 430 Euro erleichtert zu haben.
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Die Putzfrau des Senioren wird beschuldigt, ihn um 25 430 Euro erleichtert zu haben.

Möglicherweise durch einen Fehler der Ermittler kam eine Frau aus Obertshausen jetzt nach zwei Verhandlungstagen vor dem Schöffengericht in Offenbach mit einer Geldstrafe von 200 Tagessätzen und 2600 Euro Wertersatz davon. Die Anklage hatte drei Jahre Gefängnis plus einen Wertersatz von 25 430 Euro gefordert.

Obertshausen - Die 40-jährige hatte 2019 bei einem mittlerweile im Alter von 83 Jahren verstorbenen Obertshausener geputzt. Die Oberstaatsanwältin wirft ihr vor, sich während dieser Zeit mit der Bankkarte des Mannes ohne dessen Wissen durch 30 Abhebungen einen Betrag von 25 430 Euro erschlichen zu haben. Außerdem soll sie ihrem Arbeitgeber 150 Euro aus dem Geldbeutel gestohlen haben.

Vor Monaten hatte der Prozess schon einmal begonnen. Die Pause bis zum zweiten Verhandlungstag hatte nach dem Strafprozessrecht jedoch zu lange gedauert.

Zum ersten Termin der Neuauflage hatte Rechtsanwalt Fatih Kantekin erklärt, seine Mandantin werde sich zum Sachverhalt nicht äußern. Richter Manfred Beck erläuterte aber, das Gericht dürfe auch die Aussagen aus dem abgebrochenen Prozess im vergangenen Jahr verwerten.

Daraufhin sagte der Verteidiger, seine Mandantin habe zwar dreimal Geld abgehoben, wie Aufnahmen der Bank belegen, „doch immer im Auftrag ihres Arbeitgebers“. Eine Angestellte des Bankinstituts erklärte, ihr seien die vielen Abhebungen schließlich seltsam vorgekommen. Als sie den Kontoinhaber einmal in der Filiale sah, habe sie ihn angesprochen, „er wusste von nichts“.

Der Mann habe zwar nicht dement gewirkt, habe aber auch keinen so ganz konzentrierten Eindruck mehr hinterlassen, „er konnte sich nicht erklären, wie das passieren konnte“. Die Bankangestellte fragte ihn schließlich, wer in seinem Haus noch verkehre. Die Rede kam auf die Putzfrau.

Der Sohn des verstorbenen Geschädigten berichtete, sein Vater habe den Zettel mit der Pin stets leichtsinnig neben dem Geldbeutel liegen lassen. Der Vater habe 2019 erzählt, auf der Straße habe ihm eine Frau angeboten, bei ihm zu putzen, er selbst habe „die Angeklagte nur zwei oder dreimal kurz gesehen“.

Der Sohn erzählt, in den vergangenen zwei Jahren habe sich sein Vater sonderlich verhalten, „die Lebenslust war weg, er wirkte depressiv“. In der Zeit habe er keine Post mehr geöffnet, auch nicht die Kuverts mit Kontoauszügen. Kleinigkeiten habe er zwar mal vergessen, „er blieb aber klar im Kopf“. Niemals wäre sein Vater auf die Idee gekommen, seine Putzfrau zum Geldabheben zu schicken. Er hätte so viel Geld zu Hause ohnehin nicht benötigt.

Die Bank verständigte damals die Polizei. Als diese im Anschluss dem Geschädigten Bilder aus der Überwachungskamera zeigte, erkannte der Mann seine Putzfrau eindeutig. Gleichzeitig erklärte er, nach deren letzten Besuch habe er in seinem Geldbeutel 150 Euro vermisst. Ein Polizist sagt aus, man habe nur Bilder der drei Überweisungen, „die anderen hatte die Bank zwischenzeitlich gelöscht“.

Die Oberstaatsanwältin sieht die Vorwürfe gegen die Angeklagte als erwiesen an. Sie konstatiert jedoch ein Mitverschulden des Geschädigten, „weil er die Pin-Nummer einfach so liegen ließ“. Sie forderte drei Jahre Haft und 25 430 Euro Wertersatz.

Dem will Verteidiger Kantekin nicht folgen, der sich wunderte, „wie man sich so sicher sein kann“. Der Mann habe allein gelebt, „auch sein Sohn hatte keinen klaren Überblick, wer im Haus noch verkehrt“. Außerdem habe der 83-Jährige nach Zeugenaussagen nicht mehr ganz klar gewirkt. Man könne nicht nachweisen, „dass die drei Abhebungen nicht auf seinen Wunsch erfolgten“. Kantekin plädierte auf Freispruch.

Richter Manfred Beck und die beiden Schöffen verurteilten die Frau zu 200 Tagessätzen à zehn Euro und 2600 Euro Wertersatz, jene Summe, die sie mit fremder Karte abgehoben habe. Das Gericht glaube nicht an den Auftrag des Verstorbenen, könne aber nicht zweifelsfrei ausschließen, „dass sich noch eine andere Person an Karte und Pin-Nummer bediente“. Die Polizei hätte sofort sämtliche Filmaufnahmen sichern müssen, „das wurde versäumt“, kritisierte Beck. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Von Stefan Mangold)

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