Hungerlohn und wenig Schlaf

Haft für Ausbeutung von illegalen Flüchtlingen

Obertshausen/Darmstadt - Unter menschenunwürdigen Bedingungen lassen zwei Männer Schwarzarbeiter für sich arbeiten. Nun muss einer der Ausbeuter dafür ins Gefängnis. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Der Prozess gegen die beiden Offenbacher Subunternehmer der Egro-Direktwerbung GmbH ist vor dem Landgericht Darmstadt nach drei Verhandlungstagen beendet worden. Wegen Verstoßes gegen das Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz verurteilte Richter Marc Euler den 50-jährigen R. zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und den 58-jährigen D. zu zwei Jahren ohne Bewährung. Für D. bleibt der Haftbefehl bestehen. Im Gegensatz zu R. ist D. einschlägig vorbestraft, bei beiden geht Euler nur von Beihilfe für die Firma aus. Laut Staatsanwaltschaft laufen noch Ermittlungen.

Die besondere Brisanz dieses Falles liegt in der Art und Weise ihrer Beschäftigungspolitik - sofern man in diesem Fall überhaupt von einer solchen sprechen kann - die wohl niemanden emotional unberührt lässt. Mindestens 22 illegale Flüchtlinge aus Afghanistan ließen R. und D. bei wenig Schlaf für sich schuften, bei einem Stundenlohn von 2,50 Euro mussten sie in Arbeitsschichten bis zu 24 Stunden Werbeprospekte verteilen. Konnten sie sich keine Unterkunft leisten, wusste das Duo Abhilfe: Sie ließen ihre aufgrund ihrer Illegalität und Sprachdefiziten abhängigen Landsleute in den Lagerhallen in Heusenstamm und Obertshausen auf Pappkartons schlafen.

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Der mickrige Lohn wurde zudem immer wieder vorenthalten, eine gängige Methode, den Arbeitern die „Kündigung“ zu erschweren. Aufgeflogen ist die Sache, als ein Arbeiter zur Polizei ging, weil er in einem Streit um Lohn von D. körperlich angegriffen worden war. Bei der darauffolgenden Kontrolle wurden 15 Arbeiter entdeckt. Danach wurde dann auch der ausstehende Lohn gezahlt. Staatsanwalt Robert Hartmann erkannte bei den Angeklagten mehr als nur Beihilfe und den Anklagevorwurf zur Mittäterschaft eindeutig bestätigt. Er forderte vier Jahre Haft für D. inklusive Einbeziehung der gefährlichen Körperverletzung und drei Jahre für den jüngeren R. Hartmann behielt sich nach Prüfung der Urteilsbegründung Revision vor. Der Verteidiger von R., Fred Wenzel, forderte für seinen Mandanten hingegen lediglich eine Geldstrafe.

Der Rechtsanwalt in seinem halbstündigen Plädoyer: „Von diesem Riesenverfahren ist am Ende nicht viel übrig geblieben. Es wurde viel Geld verbrannt, und von Menschenhandel und Schlepperei blieb nichts übrig. Alle Zeugen sind freiwillig nach Deutschland gekommen, und sie fanden das Leben hier wohl besser als in Pakistan und Afghanistan, Ungarn und Italien.“ Man solle die Arbeitsbedingungen nicht so sehr verteufeln, wie es hier der Fall sei. Die Leute seien ja nicht gezwungen worden, auf Pappkartons zu schlafen. Damit kritisierte er indirekt den Vortrag einer der beiden Nebenklagevertreterinnen, die von einer Form modernen Sklaventums sprach. „Die Hauptverhandlung hat Sklavenhaltung nicht bestätigt, und in vielen europäischen Ländern ist dieser Stundenlohn normal.“ so Wenzel.

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