Urteil im Prozess um Beinahe-Explosion

Haft nach Gas-Attacke

Obertshausen - Eine Tötungsabsicht war ihm am Ende nicht nachzuweisen. Deshalb wird der 64-jährige Obertshausener Nikola M. auch „nur“ wegen des „versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion“ verurteilt. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Dafür hält die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt dreieinhalb Jahre Haft für tat- und schuldangemessen. Der 64 Jahre alte Nikola M. hatte am 12. Mai 2015 im Keller eines großen Mehrfamilienhauses in Obertshausen die Gasleitung geöffnet. Sein Motiv dafür konnte auch das Gericht nicht klären. Versuchte Sprengstoffexplosion? Da denkt man eher nicht an einen unglücklichen Kroaten, der den Heizungskellerschlüssel dazu nutzt, die Gasleitung mit einer Wasserpumpenzange aufzuquetschen. Die dreieinhalb Jahre Haft, die der Vorsitzende Richter Volker Wagner dem nicht vorbestraften Mann aufbrummt, sind sicher nicht zuviel des Guten. Denn die 102 Bewohner des Wohnblocks sind nur knapp an einer Katastrophe vorbei geschrammt: Drei Stunden strömte das Gas bis unter das Dach - dafür sorgte der Kamineffekt des Fahrstuhlschachts und des Treppenhauses. M. hatte alle Fenster und Türen geöffnet.

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Aber letztlich ist die ganze Geschichte nicht mehr und nicht weniger als das Ergebnis einer traurigen Beziehungstragödie. Für den Hausmeister des achtgeschossigen Gebäudes beginnt diese mit dem Rauswurf auf der ehelichen Wohnung im obersten Stock des Hauses - wegen eines handgreiflichen Streits erteilt die Polizei Nikola M. am 7. Mai 2015 eine Wegweisungsverfügung. M. steht auf der Straße, ist verzweifelt, weiß nicht wohin, ist traurig und wütend zugleich. Mehrere Nächte schläft er auf der Parkbank, bis er am frühen Morgen des 12. Mai entgegen der Vorschriften doch wieder versucht, die Ehefrau zu erweichen. Nach Sichtung verschiedener Überwachungskameras lässt sich der Ablauf rekonstruieren: M. klingelt, seine Frau öffnet die Haustür, lässt ihn aber nicht in die Wohnung. Er geht in den Heizungskeller und löchert um 1.21 Uhr das Gasrohr. Um 4.15 Uhr verschließt er das Loch mit Hilfe eines Stofflappens und Klebeband wieder notdürftig. In der Zwischenzeit öffnet er Fenster und Türen des Treppenhauses und versucht mutmaßlich, das Gas mit einem Feuerzeug anzuzünden, was jedoch fehlschlägt. Genau da liegt der Knackpunkt des gesamten Prozesses: M. ist nicht nachzuweisen, dass er tatsächlich das Feuerzeug betätigt hat. Weder die Videoaufzeichnung noch ein Ortstermin konnten dem Gericht wirklich weiterhelfen. Die Ergebnisse sind Auslegungssache.

Während Staatsanwalt Christian Dilg für sechs Jahre Haft wegen versuchten Mordes, Brandstiftung und Sprengstoffexplosion plädiert, sieht sein Verteidiger statt böser Absichten rein die schiere Verzweiflung seines Mandanten und einen eindeutigen Rücktritt vom Versuch einer Straftat. Er pocht auf Freispruch. Alois Kovac in seinem Schlussvortrag: „Er hat aus seiner Sicht alles getan, um eine Explosion zu vermeiden. Er hat die Glühlampe rausgeschraubt, statt einer funkenschlagenden Säge eine Zange verwendet. Er hat Fenster und Türen geöffnet. Und er hat das Loch wieder verschlossen!“ Womöglich hat der Richter dem Kroaten einen Gefallen getan. Hartnäckig hatte dieser erklärt, dass er einfach nur ins Gefängnis wollte.

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