Hengster war mal Moorland

+
Rund um Obertshausen gibt es gleich drei Naturschutzgebiete. Dass es dort unzählige Orchideen, seltene Pflanzen, Kröten und sogar Weißstörche gibt, darüber sprachen Peter Erlemann und Heinz Eikamp beim Erzählcafé der Seniorenhilfe. Dem Naturschutzgebiet „Hengster“ ist im Heimatmuseum in ein eigener Raum samt Dauerausstellung gewidmet.

Obertshausen - Das wussten selbst waschechte Obertshäuser nicht: Drei Naturschutzgebiete (NSG) beherbergt die Gemarkung der Stadt, darunter das älteste Deutschlands, vielleicht ganz Europas. Dem „Hengster“ ist im Heimatmuseum ein eigener Raum und eine Dauerausstellung gewidmet.

Unter dessen Dach informierten die „Urgesteine“ des Obertshausener Naturschutzes, Peter Erlemann und Heinz Eikamp, beim Erzählcafé der Seniorenhilfe über die Arbeit ihrer Organisationen. Erlemann ist Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu), Eikamp leitet die Naturwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft Obertshausen-Mosbach (NAOM). Beide Vereine zählen jeweils 17 Mitglieder, die meisten davon jenseits der Rentengrenze, was die praktischen Möglichkeiten einschränke, erläuterten die fachkundigen Gäste. Doch in den vergangenen Jahrzehnten haben die Gruppierungen Einiges erreicht.

Es sei „manchmal ein hartes Brot“ gewesen, die Politik zu sensibilisieren, dass sie Gelder für Maßnahmen bereitstelle. „Wir haben Kämpfe geführt, aber wir sind auf einem guten Weg“, formulierte Erlemann versöhnlich. Die Geschichte des „Hengsters“ von 1884 bis 1969 wurde in zwei Büchern dokumentiert. 1821 wurde das Areal südlich der heutigen Umgehungsstraße entlang der Autobahn als „botanisches Schatzkästlein“ entdeckt. Es zog Forscher aus der ganzen Welt an.

Landwirtschaft zieht Gräben

Sie fanden eine Moorlandschaft vor, die bis ins Kreuzloch reichte. Hunderte von Orchideen blühten dort, vor allem der Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze, die bis noch 1995 nachgewiesen werden konnte. Ferner gediehen viele weitere, heute ausgestorbene oder bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Nicht erst der Bau der Autobahn Mitte der 50er Jahre habe das Feuchtgebiet „völlig entwertet“, dass es nicht mehr dem Anspruch eines NSG genüge, erläuterte der Nabu-Chef. Bereits 1930 habe die Landwirtschaft viele Gräben gezogen und das Areal entwässert.

„Heute ist der Hengster ein trockener Bruchwald mit Erlen und Birken“, klagte Erlemann. Vor 20 Jahren beobachtete er noch eine vielfältige Vogelwelt. Den Naturschützern gelang es, auf der „Schmetterlingswiese Karl Mayer“ rund 600 Falterarten wieder anzusiedeln, registrierte die Gruppe vor zwölf Jahren. Mit Hilfe der Feuerwehr wurde der Himmelsteich ausgehoben, ein Biotop für Amphibien.

Eikamp und Erlemann erinnerten auch an die Rodau-Renaturierung gegen Widerstände. Sie wurde dank eines Kompromisses der Naturschützer möglich. 1,5 Millionen D-Mark wurden bereitgestellt, um den Abschnitt von B 448 bis zur verlängerten Schubertstraße naturnah mäandern zu lassen. Inzwischen sind wieder Fische in dem Bach zu Hause, die lockten den Eisvogel und seltene Libellenarten an, selbst der Biber scheint sich wieder angesiedelt zu haben, wie angeknabberte Stämme belegen.

Aufmerksames Publikum

Das Publikum im Karl-Mayer-Haus folgte den Referenten aufmerksam, stellte Fragen und berichtete von einst verbreiteten Blumen. Sie erfuhren auch Details vom Hochbruch von Hausen, östlich der B 45, 110 Hektar groß, der seit 1977 unter Naturschutz steht. Dort fühle sich der Märzenbecher noch zu Hause. Das Gebiet habe jedoch wegen der Grundwasserabsenkungen durch das Wasserwerk Froschhausen gelitten.

Das wertvollste, aber auch kleinste und jüngste NSG sei das fünfeinhalb Hektar große Gräbenwäldchesfeld zwischen Seewiesenwäldchen und Gaststätte „Zur Kreuzung“. Nabu und NAOM haben das Gelände freigeschnitten und mehr als 5000 Orchideen gezählt, dazu Sumpfveilchen und -dotterblume, Kröten, Schmetterlinge und gelegentlich einen Weißstorch. 

M.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare