Es herrscht Leben im Gemeindehaus

Erstes Fazit zur Waldkirche

+
Michael Zlamal kann sich auch einen Gottesdienst in einer Kneipe vorstellen. „Deutschland hat auch Mission nötig“, sagt der Pfarrer.

 „Mitten im Leben“ stehen die Waldkirche und ihre Gemeinde. Doch ausgerechnet einer ihrer Leiter und größten Fans gehört eigentlich gar nicht mehr dazu: Pfarrer Michael Zlamal wohnt in Lämmerspiel. 

Obertshausen – Was allemal für eine Schlagzeile taugt, hat keine Folgen für die Christen an der Schönbornstraße. Höchstens für die Füße des Seelsorgers.

„Der Herr behütet dich, der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.“ Mit Psalm 121 erträgt der stattliche Mann selbst große Hitze. Doch gegen das Wasser in seiner Residenz war er machtlos: 5000 Liter Wasser sind während seiner Abwesenheit vom Dachgeschoss ins Parterre des Pfarrhauses Im Hasenwinkel geflossen. Die Feuchtigkeit ist bis unter den Estrich gekrochen, schildert Zlamal. Doch vielleicht war auch diese Erfahrung ein „Wink aus den Wolken“. Als Fachleute das Gebäude in Augenschein nahmen, bemerkten sie, dass die Elektrik nicht mehr auf dem neuesten Stand ist, eine Gefahr darstellen kann. Also wird die Immobilie jetzt generalüberholt, der einzige Bewohner erhielt Asyl in der Nachbargemeinde, und das wichtigste Inventar hat keinen Schaden genommen, erläutert der Pfarrer. Seit dem 1. April des vergangenen Jahres steht der 37-Jährige nun in Diensten der evangelischen Gemeinde, Gelegenheit, ein erstes Resümee zu ziehen.

Gemeinschaftsgefühl auf dem Land stärker

Seine erste Anstellung war in Driedorf im Westerwald, eine Gemeinde mit zwei Pfarrstellen, jeder sind fünf Orte zugewiesen. „Auf dem Dorf ist vieles anders“, vergleicht der Gemeindeleiter. „Bei Beerdigungen ist fast das ganze Dorf versammelt, in Obertshausen sind es oft nur die engsten Familienangehörigen, Nachbarn sind die Sargträger“, sagt er. Das Gemeinschaftsgefühl sei auf dem Land viel stärker. „Hier kannst du einkaufen gehen, ohne erkannt zu werden.“ Dabei ergeben sich „die interessantesten Seelsorgegespräche zwischen Kühltruhe und Brotregal“, stellt der Gottesmann fest.

Als Pfarrer auf Lebenszeit und mit Bewerbungsrecht verfolgte er im Amtsblatt die Ausschreibungen. Obertshausen war ihm schon länger bekannt. Begeistert kaufte er nach dem Gottesdienstbesuch inkognito die Predigt-Kassetten von Pfarrer Matthias Laubvogel. „Die Lebendigkeit der Gemeinde ist toll, die gut besuchten Gottesdienste, die Verwurzlung in Bibel und Lobpreis“, zählt Michael Zlamal auf. „Es herrscht einfach immer Leben im Gemeindehaus“, spielt er auf „Living-Room“, Hauskreise, Jugend und Deutschkurse an.

„Ich habe fantastische Kollegen, bessere kann man sich nicht wünschen, ich arbeite in einem Team mit dem Kirchenvorstand“, schwärmt er weiter. Auch bei der Gottesdienst-Vorbereitung entstehe mit vielen Aktiven „etwas Rundes, Ganzes“. Fühlte er sich zwischen einem Dutzend Häusern in Driedorf oft als „Gebäudemanager“, stehe an der Schönbornstraße ein Komplex, obendrein mitten in der Stadt.

Kirche muss auf Leute zugehen

Der Pfarrer ist Haupt-Ansprechpartner für Diakonie, also für den „Living-Room“, für Flüchtlings- und Hausaufgabenhilfe sowie für die Sprachkurse. Seit Februar bekleidet er das Amt des Vorsitzenden des Kirchenvorstands, das alle zwei Jahre neu besetzt wird. Für die Zukunft schwebt ihm eine Israel-Reise vor, für die sich schon Interessierte gemeldet haben. „Als Volkskirche müssen wir mehr missionarisch wirken“, lautet ein anderer Impuls.

Weil hierzulande viele Christen keine Kirchgänger seien, „muss sich die Kirche angewöhnen, mehr zu den Leuten hinzugehen“. Zlamal könnte sich auch einen Gottesdienst in der Kneipe vorstellen. „Deutschland hat auch Mission nötig!“ In seiner Freizeit radelt der Pfarrer zu Eltern und Patenkind nach Dreieich. „Ich fahre wahnsinnig gerne Rad, von Sprendlingen ins Isenburg-Zentrum oder nach Frankfurt zum Fußballstadion“, bekennt er sich als Eintracht-Fan.

„Ich habe dieses ganze erste Jahr das Gefühl gehabt, dass ich am richtigen Ort bin, ich fühle mich unglaublich wohl und bin sehr gerne hier Pfarrer.“ Ein Wunsch für die Zukunft? „Dass viele Menschen die Botschaft kennenlernen“, antwortet er spontan. „Und dass daraus eine gesellschaftliche Veränderung entsteht, die sich die ethischen Maßstäbe der Bergpredigt zunutze macht.“

VON MICHAEL PROCHNOW

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare