Zeit für neue Wege

Heusenstammer Diakon Benjamin Weiß will in der Kirche alte Strukturen aufbrechen

Unterwegs: Benjamin Weiß auf dem Jakobsweg.
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Unterwegs: Benjamin Weiß auf dem Jakobsweg.

Dass Gott existieren muss, da war sich Benjamin Weiß früh sicher: „Als Kind habe ich oft in den Sternenhimmel gesehen und gespürt, dass es eine höhere Macht gibt.“ Sein Glaube habe ihn seitdem immer begleitet und ihm auch nach Rückschlägen den richtigen Weg gezeigt. Am 24. Oktober wird der Heusenstammer nun vom Mainzer Bischof Peter Kohlgraf zum Priester geweiht.

Heusenstamm – Bereits in der Schule interessiert sich Weiß, der im Kindergartenalter in die Schlossstadt kam, für zwei Themenfelder, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben: Religion und Biologie. Einen Widerspruch zwischen Glaube und Wissenschaft sieht der Diakon allerdings nicht. Beide Fachrichtungen würden sich sogar ergänzen, meint er: „Die Wissenschaft fragt nach dem wie, Religion nach dem Warum.“ Seitdem versucht Weiß, die beiden Felder in seiner Arbeit zu verbinden.

Obwohl der Glaube in seinem Leben eine große Rolle spielt, entscheidet sich Weiß nach dem Abitur und dem Zivildienst bei der Frankfurter Caritas zunächst gegen ein Studium der Religionswissenschaften. Stattdessen versucht er sich in der Medizin. Ein Fehler, wie er in Nachhinein gestehen muss. „Ich traue mir oft zu viel zu“, sagt Weiß lächelnd, „das ist meine größte Schwäche“. Nach drei Semestern bricht er das Studium ab und wechselt an die Hochschule St. Georgen in Frankfurt, wo er sich der Katholischen Theologie widmet.

Den Entschluss, sein Studienfach zu wechseln, trifft Weiß auf dem Weltjugendtag in Köln 2005. „Es hat mich sehr beeindruckt, dass dort auch Bischöfe wie ganz normale Besucher campiert haben.“ Sein Wunsch, Pastoralreferent zu werden, erfüllt sich allerdings nicht. Das Bistum Mainz muss sparen, die Stellen sind rar.

Daher rät ihm sein damaliger Personaldezernent, ein weiteres Fach zu studieren. Weiß entscheidet sich -– wenig überraschend – für Biologie. 2011 beendet er beide Studiengänge. Einen geeigneten Beruf findet Weiß danach allerdings nicht. Er studiert weiter und wird Religions- und Biologielehrer. Zu einer Anstellung als solcher kommt es jedoch nie. „Die Absage tut mir heute noch manchmal weh“, erzählt er.

Nach dem erneuten Rückschlag fragt Weiß sich, welchen Weg er nun gehen soll. Die Antwort darauf findet er beim Pilgern auf dem Jakobsweg. Nachdem ihm ein alter Freund von seiner Reise nach Spanien erzählt, entschließt sich Weiß, diesen Pfad ebenfalls zu beschreiten. Rund 2300 Kilometer wandert er von Heusenstamm bis nach Santiago de Campostela. Die Reise habe ihn geprägt, sagt er. „Auf dem Jakobsweg habe ich gelernt, dass man immer wieder Dinge loslassen muss.“ Auch sein Glaube habe ihm dabei geholfen: „Ich habe gespürt, dass es jemanden gibt, der mich begleitet, auch wenn ich allein unterwegs war.“ Zwar habe er den Weg physisch beendet, psychisch sei er damit aber noch nicht fertig. „Der Weg ist nie zu Ende.“

Die Erfahrungen seiner Reise will Weiß weitergeben. Der Heusenstammer engagiert sich dazu in seiner Heimatgemeinde und widmet sein Leben der Kirchenarbeit. 2018 macht Weiß einen Abschluss zum Lizenziat. Im vergangenen Jahr wird er zum Diakon geweiht. Seit diesem Sommer ist Weiß Kaplan in Friedberg, eine Position, die er eigentlich noch gar nicht ausüben dürfte. „Dazu müsste ich erst zum Priester geweiht werden“, sagt er. Doch wegen der Corona-Pandemie musste die für den 27. Juni geplante Weihe verschoben werden. Am 24. Oktober wird sie nachgeholt. Einen Tag später folgt dann seine Primiz, die erste Heilige Messe, in Heusenstamm. „Es ist Tradition, sie in seiner Heimatgemeinde abzuhalten“, erläutert er.

Über die Zukunft der Kirche macht sich Benjamin Weiß viele Gedanken. Dass immer mehr Menschen aus der Kirche austreten, habe vor allem mit den Skandalen der letzten Jahre zu tun, ist er sich sicher. Zudem sei ein Wandel in der Gesellschaft zu beobachten. „Ich habe Bekannte, die mir erzählen, alles was sie brauchen, können sie sich kaufen und sie bräuchten die Kirche nicht“, meint er.

Weiß betrachtet solche Aussagen mit Sorge, sei es in seinen Augen doch eine zentrale Aufgabe der Kirche, die Gemeinschaft zu stützen. Daher müsse sie in diesen Zeiten bereit sein, alte Strukturen aufzubrechen, und die Chance ergreifen, neue Dinge auszuprobieren. Auch Weiß wolle für diesen Wandel stehen. Für ihn sei es „eine spannende Zeit, um als Priester geweiht zu werden“. (Von Joshua Bär)

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