Warum Sport für Holger Lüning jedes Leben besser macht

Urlaub von sich selbst

+
Na, Sehnsucht? Faul unter Palmen liegen gilt nicht, wenn Holger Lüning (unten) in Teneriffa-Süd zum Training pfeift.

Obertshausen - Wenn Faulheit eine Todsünde ist, hat Holger Lüning sein Ticket in den Himmel längst gelöst: Der mehrfache Deutsche Meister und ehemalige Europarekordhalter im 200 Meter Schmetterling ertränkt seinen Schweinehund beim Triathlon – und bei Trainingscamps auf Teneriffa. Warum für eine solche Leidenschaft keine Worte reichen. Von Eva-Maria Lill

Das Sportlerherz verbergen, so richtig klappt das nicht. Wenn Holger Lüning auf dem Stuhl seine Beine übereinanderschlägt, rutscht die feine Hose hoch. Darunter blitzen Laufschuhe. „Für mich hat Bewegung immer schon dazugehört“, sagt der 50-Jährige. Daneben: Seine Frau Solveig. Lässiger Cardigan, modisches Lächeln. Stylische Jeans. Laufschuhe. Die beiden organisieren Triathlon- und Schwimm-Camps auf Teneriffa, reisen jeden Winter auf die Insel, um anderen beim Mischen von Wissen und Leidenschaft zu helfen. Ansonsten: Bücher schreiben, T-Shirts bedrucken, die Boutique im Erdgeschoss der Karl-Mayer-Straße betreuen. Im Büro stapeln sich blaue Heftrücken neben DVDs, Pullis mit Sportlerwitzen und Flyer, auf denen die Schwimmanlage Teneriffa-Süd schimmert wie im Hochglanz-Prospekt.

Lüning lebt seit 37 Jahren in Obertshausen, ist in Bremen geboren. Sein sportliches Herz schlägt in Heusenstamm und Offenbach. Beide Eltern sind Hobby-Schwimmer, den ersten Zeh ins Wasser hält Lüning schon sehr früh. Sein Debut-Verein ist in der Schlossstadt, als sein Trainer dort 1986 aufhört, übernimmt er – mit gerade mal 21 Jahren. Er macht Abi, studiert Politikwissenschaft und Geologie in Darmstadt. Bald wechselt er das Fach, lernt Sportwissenschaft und -medizin. Heimlich. Denn sein Vater träumt davon, dass Junior das Ingenieursbüro übernimmt. „Erst als ich ein paar Scheine beisammen hatte, bin ich damit zu meinen Eltern“, erinnert sich das Sport-Ass. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen, „aber ich wollte das unbedingt.“ Lüning setzt sich durch, macht weiter.

„Es war wie ein Ritterschlag“, sagt der Sportler über die Chance, ab 1993 in der Bundesligamannschaft des EOSC Offenbach zu schwimmen. Er wurde dreimal hintereinander Deutscher Meister, hielt zwischenzeitlich den Europarekord über 200 Meter Schmetterling. „Viele sagen, das sei die schwerste Disziplin. Für mich kein Hindernis.“

Beide Arme nach vorn, federlose Flügel in weißen Wellen. „Da brauchst du Kraft, ansonsten hast du keine Chance.“ Bei anderen Disziplinen wird der Sportler langsamer, wenn er nicht mehr kann. „Beim Schmetterling säuft man ab. Das sieht nicht nur erbärmlich aus, das fühlt sich auch ekelhaft an.“

Nach der Karriere im Becken sucht sich Lüning neue Herausforderungen, „kleine, kalkulierbare Abenteuer“. Mit dem Mountainbike über Berge, mit Laufschuhen hart auf Pflaster. Seinen ersten Marathon meistert er in Köln. Im Ziel kommt er die Bordsteinkante nicht mehr rauf. Im Hotel ist der Aufzug kaputt, er läuft die Treppe rückwärts nach oben. „Ich war es vom Schwimmen nicht gewohnt, mein eigenes Körpergewicht mit mir rumzuschleppen“, erinnert sich der 50-Jährige.

Auch bei seinem Iron-Man-Debut 2002 in Frankfurt kämpft Lüning gegen die Schwerkraft. „Bei Kilometer 21 dachte ich noch: Wo ist das Problem? Dann habe ich für zehn weitere zwei Stunden gebraucht.“ Probleme sind für ihn kein Grund fürs Aufgeben. Im Gegenteil: „Wäre ich gut durchgekommen, hätte ich es langweilig gefunden.“

Zähne zusammen beißen, doppelt so hart: 2007 qualifiziert sich Lüning für Hawaii. Anschließend spezialisiert er sich auf die Mittelstrecke: 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren, Halbmarathon. Wird zweimal Europameister in Wiesbaden und dritter bei der WM 2010 in den USA.

Weltreise: Günstig um die Erde fliegen

Ein trüber Tag. Regen prasselt stakkato. Ein Kollege fragt beim Essen, ob Lüning mit nach Teneriffa möchte. Eigentlich, um dort mit Einheimischen darüber zu sprechen, wie man dort Fußball besser etablieren könnte. Bald merken die Spanier, dass ihr Konzept nicht klappt, sie fragen: Was sollen wir sonst machen? Lüning wittert seine Chance, greift zu: „Triathlon wäre hier doch super.“ Alle sind begeistert, Lüning plus Ehefrau plus Sohn sitzen ein paar Wochen später im Flugzeug. Es ist 2009, das erste Mal, dass sie über den Winter Trainingscamps im Warmen anbieten. Am Anfang mit zwei Teilnehmern, jetzt mit 20. Auswandern kommt dennoch nicht in Frage: „Die spanische Mentalität passt mit unserer nicht zusammen“, sagt der Sportler.

Wettkampf schwimmt in Lünings Blut. Warum ihn Sport schon immer derart fasziniert hat? Er zögert. „Sag schon!“, fordert seine Frau. Er nickt den Kopf zur Seite. „Das ist wie in diesem Roman“, erzählt Lüning, „in dem eine Reitliebhaberin gefragt wird, wie groß ein Pferd sei.“ Sie könne nicht antworten – im Gegensatz zu ihrem Sitznachbarn. Eben weil dieser mit Pferden normalerweise nichts zu tun hat. „Wenn du so tief drin steckst, mit Herz und Leidenschaft, dann reichen Worte eben nicht. Sport ist wie Urlaub von sich selbst. Mit sich selbst. Mit der Atmung, dem Herzschlag. Man kann loslassen, im Dialog, allein mit sich.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare