Immer wieder nach Vietnam

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Ingrid Lietzau und ihr Lebensgefährte Wolfgang herzen ihre beiden Patentöchter: die zehnjährige Ly (links) und die 14 Jahre alte Quynh.

Obertshausen - Ingrid Lietzau hat die ganze Welt bereist. Mehr als 150 Länder, von der Arktis bis zur Antarktis. Auf einem Forschungsschiff erkundete sie Neuguinea. Doch seit einigen Jahren steht ein Reiseziel an allererster Stelle: Vietnam. Von Veronika Szeherova

Genauer das SOS-Kinderdorf in Da Lat. Dort leben ihre Patentöchter Ly und Quynh.  „Die Arbeit der SOS-Kinderdörfer hat uns immer schon interessiert, bei unseren Reisen haben mein Mann und ich sie an verschiedenen Orten besucht“, erzählt die Obertshausenerin, die keine eigenen Kinder hat. Seit mehr als 20 Jahren unterstützt sie die Organisation finanziell. „Ich habe das sichere Gefühl, dort kommt das Geld wirklich an.“

Dann kam das Schicksalsjahr 2008. Ihr Mann wurde schwer krank. Ingrid Lietzau gab ihren Job als Reisebürokauffrau auf, um ihn zu pflegen. Nach seinem Tod kehrte sie nicht mehr ins Arbeitsleben zurück: „Viele Dinge haben mich in dieser Zeit zum Nachdenken gebracht. Ich wollte für mich etwas Sinnvolles tun, das mir mehr bringt als der Beruf.“

Zum Geburtstag keine Geschenke, sondern Spenden

Sie beschloss, Patin in einem SOS-Kinderdorf zu werden. „Als wir 1994 zum ersten Mal nach Vietnam gekommen sind, haben wir festgestellt, dass wir uns dort am wohlsten fühlen“, erinnert sie sich. Deswegen wünschte sie sich einen kleinen Jungen in Vietnam. „Man kann sich das Land und das Geschlecht des Kindes aussuchen, das man unterstützen möchte“, erläutert die Patenmutter. Sie bekam den 7-jährigen Trung, dessen Vater verstorben war und dessen Mutter sich nicht in der Lage sah, den Jungen großzuziehen. Zweimal im Jahr bekommen die Paten vom SOS-Kinderdorf Post, wie sich ihr Schützling entwickelt, welche Fortschritte er macht. Nachrichten, über die sich Ingrid Lietzau immer sehr freut. Zum 60. Geburtstag wünschte sie sich keine Geschenke, sondern Spenden. „Es kamen 1540 Euro fürs Kinderdorf zusammen“, sagt sie lächelnd.

Der Kontakt zu Trung wurde intensiver, wie sie erzählt: „Ich habe vietnamesische Freunde, die für mich Briefe übersetzt haben. So konnten wir uns gegenseitig schreiben, was wir mehrmals im Jahr taten.“ Die Briefe von Trung hat sie säuberlich in einen Ordner einsortiert, zusammen mit anderen SOS-Kinderdorf-Unterlagen und vielen Fotos.

Der erste Besuch folgte im März 2010. „Mit einem Koffer voll Geschenke bin ich mit einer Freundin nach Vietnam geflogen, jedes Kind in der SOS-Familie hat etwas bekommen.“ Es sei ein wunderschöner Besuch gewesen: „Wir wurden ganz lieb und herzlich aufgenommen, die Kinder freuten sich und waren sehr dankbar.“ Lachend fügt sie hinzu: „Besonders froh waren sie über Schulsachen, stellen Sie sich das mal vor, das wäre hier undenkbar!“ In Vietnam dagegen, wo Schule kostenpflichtig sei, sei die Situation ein ganz anders.

Beeindruckt von der Dankbarkeit der Menschen

Die damals achtjährige Ly fiel Ingrid Lietzau schon bei diesem Besuch auf – „ein ganz pfiffiges Mädchen.“ Sie erzählte ihrem Lebensgefährten von ihr, er übernahm die Patenschaft. Bald darauf kam die Nachricht, dass Trung zu seiner Mutter zurückgekehrt sei. „Ich hätte ihn gern weiter unterstützt, war besorgt wegen der schwierigen Familiensituation.“ Doch das SOS-Kinderdorf halte den Kontakt zu dem Jungen. „Es geht ihm gut, er geht weiterhin zur Schule“, sagt sie erleichtert. 121 Kinder leben in 14 Häusern in Da Lat, jeweils eine „Mutter“ kümmert sich um die einzelnen Gruppen. Die dortige Schule besuchen 1000 Schüler aus der ganzen Stadt. „Es ist nicht so, dass so ein Kinderdorf mitten in der Pampa liegt“, erläutert Ingrid Lietzaus Lebensgefährte Wolfgang. „Es liegt mitten in der Stadt und ist offen – kein Gebiet, das sich von der Außenwelt abschirmt.“

Er muss es wissen, war er in diesem Februar selbst zum ersten Mal in Da Lat. „Wir hatten eine 35-Kilo-Reisetasche dabei voller Sachen für die Kinder – Süßigkeiten, Schulsachen, Spielzeug.“ Auch er war beeindruckt von der Dankbarkeit und Freundlichkeit der Menschen dort. Bei dieser Reise lernte Ingrid Lietzau ihre neue Patentochter kennen, derer sie sich nun angenommen hat – die 14-jährige Quynh, eine Vollwaise. „Ein schüchternes Mädchen, aber wir haben uns schnell angefreundet“, freut sie sich.

Auch in der Heimat engagiert

31 Euro kostet die Patenschaft für ein Kind pro Monat. „Das ist nicht viel Geld, das sonst schnell und sinnlos weg ist“, ist die Obertshausenerin überzeugt. „Natürlich muss man Prioritäten setzten, aber ich finde, so kann man viel bewirken.“ Das mache ihr große Freude. „Viele Menschen sind zu gleichgültig im Umgang miteinander“, bedauert sie.

Der persönliche Bezug, den man bei einer SOS-Patenschaft zum Kind erhält, wenn man sieht, wie es sich entwickelt, ist für sie ein wichtiger Aspekt. „Das SOS-Kinderdorf hat ein anderes Prinzip als viele andere Organisationen, es geht um Hilfe zur Selbsthilfe.“ Die Kinder wohnen dort, bis sie erwachsen und in der Lage sind, ein eigenes Leben zu führen. Auch zu Hause ist Ingrid Lietzau engagiert – in der „Oase“ in Obertshausen und im „Tante-Emma-Laden“ in Rodgau.

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