Abhängig von Chinas Markt

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Die Wirtschaftskrise hatte der Karl Mayer GmbH schwer zugesetzt. Jetzt arbeitet das Unternehmen in Obertshausen wieder an der Kapazitätsgrenze.

Obertshausen - In der Morgensonne glänzt die Kuppel der örtlichen Kirche, freundlich grüßt mit Fahrradgeklingel der Briefträger. Wie Dorfidylle und heile Welt mutet das Zentrum von Obertshausen an. Von Axel Wölk

Mittendrin sitzt die Karl Mayer GmbH: Mit uralten Wurzeln im Ort auch größter Arbeitgeber. Statt südhessischer Gemütlichkeit beherrscht im Gespräch mit Geschäftsführer Helmut Preßl dagegen ein ganz anderer Kulturkreis das Geschehen: der chinesische. Ohne den Markt im Land der Mitte mit seinem knallharten Wettbewerb gäbe es Karl Mayer in seiner heutigen Form nicht mehr. Der Produzent von Textilmaschinen erwirtschaftet mehr als 80 Prozent seines Umsatzes mit der Volksrepublik. 90 Prozent der Produktion gehen in den Export.

Die Textilindustrie ist seit der europäischen Industrialisierung vor mehr als 150 Jahren einen langen Gang in Richtung Osten gewandert: von Großbritannien und den USA über Deutschland und Italien bis nach Asien. Die einst stolze deutsche Textilindustrie befindet sich im Krebsgang. Auch im Rhein-Main-Gebiet: Einstige Größen wie Faserhersteller Trevira und Textilfarbenproduzent Dystar aus Frankfurt kränkeln seit Jahren.

Beim Maschinenbauer aus Obertshausen ergibt sich in diesen Tagen ein komplett anderes Bild. Das Unternehmen produziert an der Kapazitätsgrenze und personell bereits darüber hinaus. Die Belegschaft von 1 000 Arbeitnehmern am Stammsitz soll um mindestens 680 Leiharbeiter aufgestockt werden. Ein Schritt, der nachdenklich stimmt, weil diese sich nach Ende der Auftragsspitzen meist nach einer neuen Beschäftigung umsehen müssen. Manager Preßl, der neben dem Vorsitzenden und Gründersohn Fritz Mayer den Maschinenbauer leitet, erläutert diese Unternehmenspolitik aus Sicht der Geschäftsführung: „Wir sind dem Diktat des Marktes unterworfen.“

Vor gerade einmal zwei Jahren - auf dem Höhepunkt der Finanzkrise - büßte der Maschinenbauer massiv an Geschäft ein. In der Bilanz türmten sich Verluste auf. Um langfristig weiterleben zu können, mussten 350 Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut werden, die meisten davon in Obertshausen. Preßl spricht von schmerzhafter Restrukturierung. Selbst mit dieser beschönigenden Vokabel ein Ablauf, den das Unternehmen nicht wiederholen möchte. Und deshalb soll die derzeitige Auftragsspitze mit Hilfe von Zeitarbeitnehmern abgetragen werden. Die Dimensionen sind dabei gewaltig. Für dieses Jahr erwartet Preßl einen Rekordumsatz von 500 Millionen Euro; das langfristige Mittel liegt gerade einmal bei 300 Millionen.

Die Maschinenbaubranche gehört traditionell zu den Zweigen, die das Auf und Ab im Wirtschaftszyklus am härtesten trifft. Deshalb rechnet Preßl ab dem Jahr 2012 auch wieder mit abflauendem Geschäft. Das derzeitige Plus kommt den Mitarbeitern zugute: Mit mehr als 3 Millionen Euro hat die Unternehmensspitze sie 2010 am Erfolg beteiligt. Sichere Jobs gegen Lohnverzicht gibt es in Obertshausen nicht: „Die Arbeitsplatzgarantie muss täglich neu geschaffen werden.“

Oberflächlich betrachtet sind Textilien, die mit den Maschinen von Karl Mayer hergestellt werden, Dauerrenner. Mit den so genannten Wirkmaschinen, die um die 65 Prozent zum Umsatz beisteuern, produzieren die Unternehmenskunden Textilien für Laufschuhe, Badebekleidung, Reizwäsche, atmungsaktive Funktionswäsche und neben Fischnetzen selbst Raster für Strohballen. Auf den Siegerpodesten von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften posieren die Medaillengewinner meist auch mit Textilien, die ihren Ursprung im Landkreis Offenbach nahmen. Künstliche Blutadern mit ihren lebenswichtigen Funktionen gingen oft ebenfalls von Wirkmaschinen der Karl Mayer GmbH aus in den Handel.

Die beiden anderen Umsatztreiber verteilen sich in etwa zu gleichen Teilen auf die Kettvorbereitung, bei der verschiedene Garne zusammengeführt werden, damit überhaupt das Material erst gewirkt werden kann, und die technischen Textilien, die etwa in der Automobilindustrie oder auf Windrädern zum Einsatz kommen. Bis zu einer Million Euro kosten die aufwändigsten Maschinen der Karl Mayer GmbH.

Die Wirkerei ist strikt von der Weberei zu trennen, erläutert Robert Kuna, Lehrgangsleiter bei der hauseigenen Karl Mayer Academy. Weniger als zehn Prozent aller Textilien weltweit werden gewirkt, meist wird immer noch gewebt. Nach Auskunft von Kuna geht der Trend hin zur Wirkerei, weil sie in der Bearbeitung mehr Spielräume lässt. In dieser Zukunftstechnik stehen die Obertshausener blendend da, bestätigt Preßl. Der Weltmarktanteil pendelt so um die 70 Prozent.

Auf Karl-Mayer-Maschinen hergestellte Stoffe finden sich aller Voraussicht nach in allen fast 200 Staaten, die in der UN vertreten sind. Seinen Textilarbeitgeber empfindet Preßl als Glücksfall: „Ich könnte mir nicht vorstellen, für einen Rüstungs- oder Zigarettenhersteller zu arbeiten.“ Das überragende China-Engagement - alle sechs bis acht Wochen befindet sich die Geschäftsführung für rund sieben Tage an seinem Produktions- und Vertriebszentrum in Changzhou nahe Shanghai - sieht er auch als Beitrag an, das Land weiter zu entwickeln, was langfristig in Richtung Demokratie helfe. Die kulturelle Kluft zwischen Westlern und Chinesen dramatisierten dabei viele. Chinesen achteten nur mehr auf Vertrauensaufbau und die persönliche Schiene, während Deutsche oft zu technisch, schnell und effektiv ausgerichtet seien. Sein Unternehmen profitiere immer noch von den in den 1980er Jahren geknüpften, chinesischen Banden von Gründer Karl Mayer. Die ganze Konzernkultur sei inzwischen völlig international, sagt Unternehmenssprecherin Ulrike Schlenker. „Hier lebt die Globalisierung. Wir sind am Puls der Zeit. Bei anderen geht es weit ruhiger zu.“

Das gilt durchaus auch für das beschauliche Obertshausen. „Hier ist der Nukleus der Karl-Mayer-Gruppe“, sagt Geschäftsführer Preßl. Zu Stadtrat und Bürgermeister bestehe ein ständiger Kontakt. Und die Familie Mayer als hundertprozentige Eigentümerin des Maschinenbauers empfinde sich als Teil und Tradition der Stadt. Ein Verkauf an chinesische Investoren erscheint Preßl undenkbar.

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