Erschwerte Bedingungen für Rettungsdienste

Trotz Pandemie: Kein Bonus für Notfall-Sanitäter

Viel Arbeit, wenig Anerkennung: Rettungssanitäter fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Die Corona-Krise hat die Situation noch verschärft.
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Viel Arbeit, wenig Anerkennung: Rettungssanitäter fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Die Corona-Krise hat die Situation noch verschärft.

Schichten von zwölf Stunden, dazu eine 48-Stundenwoche, von der allerdings nur 39 Stunden bezahlt werden, und das alles in einem Beruf, der in Corona-Zeiten noch zusätzliche Anstrengungen erfordert: Beschäftigte im Rettungsdienst fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Obertshausen – Einer von ihnen ist Daniel Pfeiffer, der als Notfall-Sanitäter im Eigenbetrieb Rettungsdienst des Kreises Offenbach in der Rettungswache Obertshausen arbeitet. „Wir würden uns wünschen, dass anerkannt wird, wie sehr wir unter Druck stehen“, sagt er. „Die Arbeitsbelastung muss weniger werden.“ Diese Forderung gelte grundsätzlich, aber wegen des derzeitigen Mehraufwandes besonders in Corona-Zeiten. Denn momentan arbeiten die Nothelfer unter erschwerten Bedingungen: Bei jedem Einsatz tragen sie FFP2-Masken, „das ist zum Beispiel bei Reanimationen sehr anstrengend“. Normalerweise werde empfohlen, diese Maske nur eine bestimmte Zeit zu tragen und dann zu pausieren, „was bei uns natürlich kaum möglich ist“, sagt Pfeiffer, der jedoch betont, dass das Tragen Maske derzeit „absolut notwendig ist“.

Außerdem müssten die Sanitäter sehr häufig das Rettungsfahrzeug reinigen und desinfizieren. Während die Politik für Pflegekräfte einen Bonus beschloss, gingen Beschäftigte im Rettungsdienst leer aus. „Wir wurden komplett übergangen, der Rettungsdienst wird häufig stiefmütterlich behandelt.“, ärgert sich Pfeiffer. Und er beschreibt ein weiteres Erschwernis wegen der Corona-Pandemie: „Die Kapazitäten in den Krankenhäusern werden knapp, das heißt, wir müssen nun auch längere Einsatzzeiten und längere Wege in Kauf nehmen.“

Zu Beginn der Pandemie sei wegen des ersten Lockdowns noch die Zahl der Einsätze zurückgegangen, mittlerweile habe man jedoch wieder das Niveau der Einsatzzeiten vor dem Corona-Ausbruch erreicht. „Der Mehraufwand ist allerdings geblieben.“ Doch auch unabhängig von der Corona-Pandemie sind die Rettungsdienstler unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen, Pfeiffer nennt ein weiteres Beispiel: Eine Nachtschicht von 19 bis 7 Uhr werde nur teilweise bezahlt, mit der Begründung, dass im Bereitschaftsdienst nur wenige Einsätze anfielen. Dadurch würden letztendlich nur 39 Stunden einer 48-Stundenwoche entlohnt, rechnet Pfeiffer vor. Um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen, fordern Rettungsdienstler in einer Petition unter dem Stichwort „unverzichtbar“ von der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) beispielsweise eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit, Samstagszuschläge und eine höhere Wechselschicht-Zulage. Knapp 45.000 Unterschriften sind inzwischen zusammengekommen. „Die VKA als Tarifpartner hat die Forderungen jedoch konsequent abgelehnt, womöglich weil ihnen bewusst ist, dass dadurch natürlich auch mehr – auf dem Arbeitsmarkt nicht vorhandene – Mitarbeiter benötigt werden“, so Pfeiffer.

Es werde häufig verkannt, dass der Personalmangel im Rettungsdienst wesentlich gravierender sei als in der Pflege. „Wir wollen mehr als nur Lippenbekenntnisse und warme Worte beziehungsweise einen Präsentkorb an Weihnachten für die Rettungswache vom Landrat.“ Auch für die Nachwuchsgewinnung und die Attraktivität des Berufes sei es wichtig, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. „Leider denken hier die Politiker aufseiten der VKA zu kurzfristig.“

Grundsätzlich sei der Kreis kein schlechter Arbeitgeber, betont Pfeiffer. „Aber langfristig fordern wir Arbeitszeiten, wie sie auch für alle anderen Kreisangestellten gelten.“ Er würde sich wünschen, dass sich der Landrat beim VKA für bessere Arbeitsbedingungen einsetze.

„Zunächst müssen wir klarstellen, dass Landrat Oliver Quilling nicht für die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber am Verhandlungstisch sitzt“, heißt es dazu auf Anfrage beim Kreis. Prinzipiell werde der Rettungsdienst des Öfteren bei Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst „vergessen“, so eine Kreissprecherin. „So zum Beispiel auch bei Sonderprämien für die Zusatzbelastung durch die Pandemie, ähnlich der Pflege.“

Der Eigenbetrieb Rettungsdienst des Kreises wende den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) an. „Die 39-Stunden-Woche ist hier ebenso Bestandteil des Tarifvertrages wie Wechsel- und Schichtzulagen, Zeitzuschläge und Zusatzurlaub für Wechselschichtarbeit“, erläutert die Kreissprecherin. „Wenn in einem definierten Zeitraum weniger als 50 Prozent der Zeit gearbeitet werden muss, dann sieht der TVöD für diesen Zeitraum eine Bewertung als Bereitschaftszeit vor“, begründet man beim Kreis die unbezahlten Überstunden im Rettungsdienst. Dadurch ergebe sich eine Präsenzpflicht von 48 Stunden, „tatsächlich bezahlt werden 39 Stunden.“

Refinanziert werde der Rettungsdienst von den Krankenkassen, „die Vorgaben zur Berücksichtigung der Auslastungen machen und damit die Bereitschaftszeit nicht in vollem Umfang anerkennen“, schiebt man beim Kreis die Verantwortung auf die Krankenkassen. (Von Niels Britsch)

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