Wanderwart Klaus-Dieter Schmidt

Wandern in der Westentasche

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Klaus-Dieter Schmidt ist Wanderwart in der Ortsgruppe der Naturfreunde und führte jüngst eine Tour um Obertshausen.

Obertshausen - Immer weniger Menschen engagieren sich ehrenamtlich im Verein. Andere finden seit vielen Jahren Erfüllung, Spaß und Geselligkeit in der Gemeinschaft. Einer von ihnen ist Klaus-Dieter Schmidt, Wanderwart bei den Naturfreunden (NF). Von Michael Prochnow 

Zwei Dutzend Vereinskameraden haben sich vor der Sporthalle Badstraße versammelt, dick eingepackt in Mützen, Schals und Jacken. Sie folgen Klaus-Dieter Schmidt (68), dem Wanderwart der heimischen Naturfreunde. Er führt sie entlang der Bahn, durch den Offenbacher Wald und zur Gaststätte Seeblick des Angelsportvereins, exakt 12,9 Kilometer.
Das Teilnehmerfeld besteht überwiegend aus älteren Bürgern, einige sind Mitte 70. „Die Gruppe ist so schnell wie der Langsamste“, lautet eine Regel, „hinterher soll jeder sagen können: Es war schön“, erklärt der Wanderführer. Im Schnitt erreichen sie eine Geschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde. In Mühlheim leitete der Hamburger Touren mit geübten Aktiven über 25 Kilometer, die waren dann auch flotter unterwegs.

Solche Strecken bringen eine Gruppe zum Beispiel auf den Altkönig im Taunus – und wieder runter. Dabei weist der kundige Leiter auf Besonderheiten am Wegesrand hin. Löcher in Bäumen hatten dieselbe Funktion wie Grenzsteine, markierten eine Revier- oder Landesgrenze, lehrt er. Die weißen Ringe an den Stämmen weisen auf Rückeschneisen hin, auf denen sich schwere Maschinen bewegen müssen, damit der Boden nicht ungleichmäßig verdichtet wird.

„Und wie kriegt die Buche Wasser bis in die Spitze?“, deutet der Rentner auf einen stattlichen Baum. Der verdunstet immerhin 2 bis 300 Liter Wasser pro Tag. „Durch die geleerten Gänge werde Wasser nachgezogen, „wenn ihr das Ohr an den Stamm legt, hört ihr’s rauschen“, verblüfft der Mann mit der roten Jacke seine Zuhörer.

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Dann deutet er auf das Gewölle einer Eule, ausgewürgte Knochen und Fell einer Maus. Schmidt erläutert, wie der Specht Nüsse aufmeißelt, indem er sie in eine Baumspalte klemmt. An einer beschädigten Haselnuss kann er feststellen, ob eine Maus oder ein Eichhörnchen versucht hat, sie zu öffnen.

Schmidt absolvierte eine Jäger-Ausbildung, vermag eine Hain- von einer Rotbuche zu unterscheiden. Sein Wissen möchte er spielerisch vermitteln, Menschen so an die Natur heranführen, sagt er. Mit den Naturfreunden (NF) habe er gute Erfahrungen gemacht. Er dürfte zwar auch professionell Wandergruppen für 140 Euro pro Tag führen. „Aber du kennst die Leute nicht, da kommen welche mit Flachmann und ich habe die Verantwortung.“

Auf eine NF-Gruppe könne er sich „hundertprozentig verlassen“, da darf auch mal einer vorm Wanderwart gehen. Zu seiner Ausstattung zählen Pfeife, Kompass und Karte, Erste-Hilfe-Päckchen und Blasenpflaster – weil Anfänger die falschen Schuhe oder zu dünne Socken tragen.

Schmidt ist gebürtiger Hamburger. „Tiere und Natur haben mich immer interessiert, darum wollte ich Förster werden.“ Doch dafür fand er keine Unterstützung in der Familie, lernte Bankkaufmann und baute 1973 ein Institut in Frankfurt mit auf. Er blieb im Rhein-Main-Gebiet, lebte in Eckenheim, Hochstadt und Rodenbach. 2002 zog er nach Mühlheim, vor zwei Jahren wechselte er wegen des Fluglärms dort nach Obertshausen.

2009 hat er sich den Naturfreunden angeschlossen. Der Vorruheständler absolvierte 2011 eine Ausbildung zum Wanderleiter. Im Schwarzwald lauschte er eine Woche von morgens bis abends Vorträgen und schrieb Prüfungen. „Ich habe nie im Leben so viel gelernt“, resümiert der Schüler, der nun über Kelten, Römer und Baustile von der Gotik bis zum Barock referieren kann, über Gesteinsschichten, Wetter und Orientierung mit Kompass und Karte Bescheid weiß.

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„Ich genieße jeden Tag. Wenn ich aufwache und gesund bin, muss ich dankbar sein“, findet Schmidt. „Ich bin gerne und viel in der Natur unterwegs.“ Ein dreiviertel Jahr vorher beginnt er, eine Tour vorzubereiten, den Bus zu organisieren, eine Planwagenfahrt zu buchen. „Ich fange mit einer bekannten Strecke an, die ich mit GPS gespeichert habe“, schildert Schmidt. Oder er setzt Punkte auf einer Karte am Computer, recherchiert, wo sich Steigungen befinden. Dann startet er eine erste Vortour, spricht unterwegs mit Einwohnern, die „ganz tolle Tipps für die Einkehr geben und kuriose Geschichten erzählen können“.

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