Klein-Hildegards Bescherung

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Wer wissen will, wie das mit Weihnachten in Zeiten war, als der Konsumrausch Kinder noch nicht beseelte, hört am besten mit Genuss beim Erzählcafé der Seniorenhilfe zu. Das Kasperle, das Krokodil, die Puppenspieler der Seniorenhilfe...

Obertshausen - Mit einem Gedicht des Frankfurter Pfarrers Lothar Zenetti eröffnete Hans Otto Vetter das Erzählcafé im Karl-Mayer-Haus „uff hessisch“. Seit einem Jahr lädt die Seniorenhilfe (SHO) regelmäßig zur Plauderstunde ein. Ein Erfolgsmodell.

In der Atmosphäre „fast wie im Wohnzimmer“ erinnerten sich die Gäste diesmal an Erlebnisse rund ums Weihnachtsfest.

Dabei ging es oft um Wünsche, die nicht erfüllt werden konnten, weil das Geld fehlte. SHO-Vorsitzende Hildegard Ott beispielsweise wuchs in einem kleinen Ort in Nordhessen auf. Ihr Vater war ein „armes Schneiderlein“. Trotzdem versuchte er, seine Kinder zu bescheren. Seine Tochter wollte Skier, doch das Christkind muss sie „vergessen“ haben. So wartete Klein-Hildegard des nachts am Fenster, ob der Weihnachtsmann nicht doch noch einmal kommt. Und das Wunder geschah: Am nächsten Morgen standen die Bretter in der Wohnküche, und es fing auch noch an zu schneien. Die Skier waren nicht neu, aber sie habe sich riesig gefreut und mit ihnen später sogar einen Schüler-Wettbewerb gewonnen.

Schönstes Erlebnis zum Fest 1942

Eine Dame aus dem Publikum erzählte von ihrem schönstes Erlebnis zum Fest 1942. Der Papa käme nicht nach Hause, hieß es, doch dann steht der Vater in Uniform doch vor der Tür. „Es läuft mir heute noch kalt den Rücken runter“, schilderte die Besucherin. 1954 erhielt einer der Senioren pro „1“ im Herbstzeugnis eine Mark. Doch das Geld reichte nicht für den begehrten Steiff-Dackel. Der hockte dann eben unterm Christbaum.

Dort fand ein anderes Mitglied eine Seilfahrer-Puppe. Die Freude der Beschenkten war so groß, dass sie ein feines Kleidchen für das Spielzeug geschneidert hat, im Heimatmuseum führte sie den kleinen Radfahrer vor.

Arnd Middelmann hat mit seinem Bruder die Puppe der kleinen Schwester untersucht, ob sie auch von innen leuchtet. Sie hielten ein brennendes Streichholz in den Mund – und „das Gesicht war weg!“ Und in der Unterführung Bieberer Straße in Offenbach spielte Karl Heinz Müller mit seinen Freunden mit „Dopsch“ und „Detsche“ - „nicht zu verwechseln mit ‘em klaane Dobsch“. Der kleine Kreisel, den viele Anwesende noch gut kennen, wurde mit einer Peitsche angetrieben, hüpfte und drehte sich auf den Platten unter Brücke wunderbar. Dann haben sie Löcher in die Straße gedreht fürs Klicker-Spielen. Glasmurmeln waren damals im Gegensatz zu den Tonkugeln eine Währung unter den Kindern. „Jede Straße hatte ihre eigenen Regeln“, erklärte Müller und erhielt viel Zustimmung im Saal.

Adventsmarkt in Obertshausen im letzten Jahr

Adventsmarkt in Obertshausen

Erich Hocke gab einen Schwank aus der Nikolauszeit zum Besten. Der Erzgebirgler hatte Angst vorm Krampus, „einer ganz fiesen Type“ mit einem Pferde- und einem normalen Fuß, der eine Kette hinter sich herschleifte. Erich versteckte sich unter den Tisch, aber er wurde hervorgezogen und kopfüber in den Krampus-Sack gesteckt. Darauf bekam er Fieber und hatte noch mehr Angst vor dem heiligen Mann – und hätte sich nie denken lassen, dass er bei der Seniorenhilfe einmal den Nikolaus spielen würde!

Im Museum traten er und seine Frau Marianne sowie Karl Heinz Müller als „Die Puppenspieler der SHO“ auf und zeigten ihr Stück vom entlaufenen Krokodil und dem Hühnerräuber im selbst gebauten Kasperltheater. Gerhard Abt begleitete die Aufführung mit dem Akkordeon. Die Spielleute suchen Verstärkung, um ein Märchen für Erwachsene einstudieren zu können. Die Kinderversion ist übrigens gut ausgegangen: Das Krokodil ist wieder im Zoo, der Räuber im Knast, das Huhn im Stall, „jetzt kann man in Oberts-hausen wieder ruhig schlafen!“.

M.

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