Lieber mal innehalten

Filmkomponist Rainer Michel will nichts Halbgares rausbringen

Zu Hause in Obertshausen: Filmkomponist Rainer Michel ist auch während der Pandemie nicht untätig.
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Zu Hause in Obertshausen: Filmkomponist Rainer Michel ist auch während der Pandemie nicht untätig.

Ein Filmkomponist aus Frankfurt, na klar – da denkt jeder sofort an Hans Zimmer, obwohl der schon seit ewigen Zeiten von Hollywood aus für Furore sorgt – mit Soundtracks wie „Gladiator“, „The Lion King“, „Pirates Of The Carribean“, oder „The Dark Knight“. Ein Filmkomponist aus Frankfurt ist auch Rainer Michel, ein echter Bornheimer Bub, der mittlerweile in Obertshausen lebt.

Obertshausen – Seine Filmografie nimmt sich vergleichsweise bescheiden aus. Mit „Der Mann mit den grünen Augen“, „Herz im Kopf“ und „Nach fünf im Urwald“ hat er Filme veredelt, in denen unter anderem Matthias Schweighöfer und Franka Potente mitspielen. Absolute Highlights waren seine Musiken für den Heimatkrimi „Bamberger Reiter“ und für „Bardsongs“, in dem Geschichten aus Rajasthan, Mali und Ladakh erzählt wurden. Michel war der richtige, sich in die Kulturen Westafrikas und Südasiens einzufühlen.

Obwohl er klassische Gitarre studiert und auch seine Rockband-Erfahrungen gemacht hat, schlug er mit Mitte 20 einen anderen Weg ein, wurde Dozent. Seit 1994 ist er hauptberuflicher Filmkomponist, sechs Mal durfte er sogar beim „Tatort“ ran. Im stillen Kämmerlein in Offenbach-Bieber puzzelte er mit allerlei Gerätschaften, exotischen Instrumenten und dem Böhmat, der Begleitautomatik der elektronischen Dr.-Böhm-Orgel aus den frühen Siebzigerjahren. Mit Lo-Fi statt Hightech entstanden spezielle Klänge mit viel Charme und Charakter. Öffentliche Auftritte schienen ihn nicht zu interessieren. Bis das Projekt „Bridges – Musik verbindet“, initiiert von den beiden Studentinnen Julia Huk und Isabella Kohrs, 2015 ein „Flüchtlingsorchester“ ins Leben riefen, um Musiker und Musikerinnen mit und ohne Flucht- und Migrationshintergrund zusammenzubringen. Michel komponierte auch für das multinationale Orchester, meisterte die Herausforderung, Instrumente mit unterschiedlichen Stimmungen harmonieren zu lassen. „Man muss die Frechheit besitzen und den Mut haben, das einfach zu machen“, erklärt er seine intuitive Herangehensweise. Das brachte Michel unter anderem auf die Bühne des hr-Sendesaals. Die Lust live aufzutreten wuchs, und so gründete er zuletzt das Ensemble Korridor für einen Mix aus Kammer-, Film- und Weltmusik.

„Unsere CD ,Spur 21’ ist fertig, aber ich bin nicht mal mehr sicher, ob man noch Geld investieren soll für die Pressung. Denn der Markt ist doch total im Eimer dank Spotify und Konsorten“, befürchtet Michel, dass sich Corona da noch als „Brandbeschleuniger für furchtbare Entwicklungen“ entpuppen könnte. Anders als viele Kollegen überrascht er mit der Aussage: „Ich bin durchaus zufrieden, wenn ich eine Komposition fertiggestellt habe. Dafür muss keine Bühne her, jedenfalls nicht im Moment.“ Er will eines nicht: „Öde Streaming-Auftritte.“ Lieber mal Innehalten, ein bisschen Demut zeigen. „Ich übe sehr viel, auch Piano, und habe jede Menge schöne Sachen im Studio produziert.“ Und er verbringt viel Zeit mit seiner Familie. „Meine 90-jährige Mutter braucht jetzt auch viel Zeit und Pflege. Und Bob hat gerade eine wilde Phase“, so Michel über seinen vierjährigen Sohn. Echte Herausforderungen also. Die Corona-Krise bringe ihn dazu, sich auf wichtige Dinge zu besinnen. „Eine gute Zeit, um grundsätzliche Dinge im Leben zu ändern“, glaubt er und hat eine alte New-York-Connection wieder aufgefrischt. „Ich habe drei Gleichgesinnte in Brooklyn gefunden, die haben denselben Spirit und wir planen schon ein Meeting, wenn es wieder geht.“

An Obertshausen mag er, dass er jeden Tag mit dem Junior in den Wald gehen kann. „Das ist eine prima Medizin gegen alle Art von Repro-Stimmungen, und Bob kriegt seine Ladung Naturverbundenheit“, sagt er. „Auf dem örtlichen Spielplatz berate ich immer Eritreer, die von allen Ämtern mit völlig unverständlichen Papieren gequält werden. Es hat sich rumgesprochen, dass ich gerne helfe. Dafür hat Bob jede Menge nette Kids als Spielkumpels.“ Natürlich wird sein Korridor Ensemble wieder spielen, wenn es möglich ist. „Mit CD-Präsentation, Party, aber nicht halb gar und online. Dasselbe gilt für Unterricht.“ Seine Gitarrenschüler möchte er lieber wieder in seinem Laden in Frankfurt-Sachsenhausen begrüßen, wenn der Lockdown entsprechend gelockert wird. Das Geschäft heißt Korridor. Dort bietet Michels chinesische Frau Pei Li nicht nur ihre Bilder, sondern auch selbst geschneiderte Kleider nebst Accessoires an. Und an den Wänden hängen fremdartige Instrumente wie die türkische Saz, die madagassische Zither Valiha oder das südostasiatische Bambus-Idiofon Angklung. Ein Ort voller Faszination. (Von Detlef Kinsler)

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