Musicals und vornehme Bewegungen

Obertshausen - Michael ProchnowBallett? Da rümpfen „echte“ Männer gerne die Nase, erheben sich mit einem überlegenen Lächeln. Tatsächlich zählen Angehörige des „starken Geschlechts“ zu den seltenen Erscheinungen in dieser Disziplin. Marianne Wycisk trifft auch nur selten einen Tänzer, der sich in einen ihrer Kurse verirrt hätte.

Dafür findet die klassische, graziöse Sportart immer mehr Gefallen bei jungen Eltern, die ihre Kinder in den Spiegelsaal begleiten.

Jedes Wort in dem kahlen Ort oberhalb der Fahrzeugboxen der Hausener Feuerwehr hallt wie in einem Rohbau. Gegenüber von zwei schmäleren Sprossenwänden zieht sich ein hölzerner Handlauf vor einer Wand aus quadratischen Spiegelkacheln - das wichtigste Ausstattungsmerkmal für die Tanzgruppen des Volksbildungswerks. Die 29-jährige Lehrerin führt mittlerweile sechs Gruppen, nur drei waren ursprünglich vom VBW ausgeschrieben.

Die Euro-Einführung haben die Ballettschulen zu spüren bekommen, erinnert sich die junge Kursleiterin. Viele hätten die Gelegenheit zu Preiserhöhungen genutzt, woraufhin vor allem der Nachwuchs fern blieb. In der Volkshochschule aber werden die Anfänger ein Semester lang für einen Betrag unterrichtet, der in einer privaten Schule innerhalb eines Monats fällig wäre, erläutert Marianne Wycisk den Erfolg der kommunalen Einrichtung. Es ist bereits der fünfte Kurs für Schüler, den sie jetzt an der Tempelhofer Straße leitet, und da sind noch ein paar Plätze frei.

Die Arbeit mit den Kindern bereitet der engagierten Leiterin viel Spaß. „Bis sie zwölf Jahre alt sind, läuft das sehr gut“, differenziert sie, danach gebe es Probleme, vor allem bei den Jungs. Dann ist nämlich Hip-Hop eine starke Konkurrenz, diese drahtigen Bewegungen der New Yorker Straßenkultur. Und trotzdem läuft seit zwei Semestern ein dritter Ballettkurs für Kinder, so dass weitere Interessierte einsteigen können. „Das geht auch in Socken, Leggins oder Strumpfhosen“, erklärt die Tänzerin, „trotzdem kommen die meisten in rosa“.

Vielen Schüler sind wegen Haltungsschäden vom Hausarzt oder Orthopäden in die Ballettstunde geschickt worden. „Manche Kinder können nicht mehr richtig rennen“, beobachtete die in Obertshausen aufgewachsene Leiterin. „Sie gehen nicht mehr raus, sitzen nur vor Computer und Fernseher“. Sie rät, die Übungen über die Pubertät hinaus fortführen. Sie selbst fand ihr Interesse an den vornehmen Bewegungen erst mit 13 Jahren. Da musste sie zusammen mit den Kleinen trainieren ...

Die Familie Wycisk zog an den Bodensee, Marianne legte in Friedrichshafen ihr Abitur ab. Sie studierte in Nürnberg, Ballett- und Bühnentanz und erwarb das Diplom der Royal Academy Of Dance. In Gelnhausen ließ sie sich an der School Of Theatre Arts zur Musicaldarstellerin ausbilden. Dazu kehrte sie zu den Großeltern zurück nach Obertshausen. An der Kerschensteiner-Schule absolvierte sie eine zweijährige Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin, parallel nimmt sie weiterhin Gesangsunterricht an der Frankfurter Musik-Akademie, Dr. Hochs Konservatorium.

Die Liebe zum Musical entdeckte sie bei „Cats“ in Basel. Das Lied „Memory“ der Grizabella sei eines der wenigen, die von einer Frau allein gesungen werden, bewundert die Sopranistin. Sie steht auf Kompositionen von Andrew Lloyd Webber, tritt mit Melodien aus „Cats“, „My Fair Lady“ „Phantom der Oper“ und „Aspects Of Love“ auf. Auch Liebeslieder und Balladen gehören zum Repertoire, das sie am 8. März in Mainhausen vorstellt. In einer Disco wird man sie wohl nie antreffen. Dafür bald mit neuem Programm und einem Cadillac bei Freiluft-Veranstaltungen.

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