Nachwuchs im Rentenalter

+
Die AG Philatelie trifft sich regelmäßig zum Briefmarkentausch im Rathaus.

Obertshausen - Versunken zwischen wackligen Stapeln abgegriffener Alben und dem aufgeschlagenen Michel, der Bibel der Briefmarkensammler, die Brille ins graue Haar geschoben und mit einer Lupe über das zierliche Zeugnis der Geschichte gebeugt: Es wird einsam um die Briefmarkenfreunde. Von Michael Prochnow

Ihr beschauliches Hobby hat schlechte Karten neben dem großen Freizeitangebot. Die Konkurrenz ist hart, doch die Arbeitsgemeinschaft Philatelie Obertshausen-Heusenstamm gibt die Suche nach interessierten Jugendlichen nicht auf. Auch wenn die fast so rar sind wie die Rote und die Blaue Mauritius.

Dabei haben die von der Sammelleidenschaft infizierten Männer nichts unversucht gelassen, Nachwuchs zu gewinnen. Sogar Seminare an der Universität haben sie gegeben, an der Uni der Kinderstadt, die einige Sommer lang die Ferienspiele ersetzte. Interessierten Studenten erzählten erfahrene Mitglieder, dass mit der schwarzen One Penny die Ära der Postwertzeichen begann – und damit auch die der Sammler. Die Zuhörer sollten sich ein Thema auswählen, Autos, Pflanzen, Tiere oder Eisenbahnen. Dann sortierten sie Exemplare mit entsprechenden Motiven aus einer großen Kiste. Die nächste Aufgabe für die Teilnehmer war, Marken von den abgerissenen Ecken der Briefumschläge abzuweichen und auf Zeitungspapier zum Trocknen auszulegen. Das Zeitungspapier nimmt nämlich nicht nur Appelle auf, sondern auch Feuchtigkeit, erläutert Günter Brosch, Erster Vorsitzender der AG Philatelie.

Begeisterung hält sich in Grenzen

„Die Kinder haben alle ein Einsteckalbum und eine Pinzette bekommen“, führt er das Engagement seiner Gemeinschaft weiter aus. „So konnten sie die Fundstücke nach Gruppen und Wert ordnen und einstecken.“ Die Dozenten haben auch die Eltern angesprochen, doch die meisten zeigen kein Interesse, ihre Kinder für die Beschäftigung mit Geschichte und Geschichten der Briefmarken zu begeistern. Jugendwart Marco Fecher hat auch schon bei einem Schätzspiel Preise ausgelobt, Bücher, Pinzetten, Lupen. „Zwei waren mal eine Weile dabei“, erinnert sich Brosch, seien aber bald wieder abgesprungen. „Mit zwölf, 13 Jahren sind die Interessen der Schüler ganz anders gelagert“, resümiert der Leiter. Er visiert mit seinem Team jetzt die Sieben- bis Zwölfjährigen als Zielgruppe an. Der Verein suche den Kontakt zu den Schulen, dort könnten die Rentner nach dem Unterricht eine Philatelie-AG einrichten. Oder ein Angebot für die Projektwoche unterbreiten.

Für eine feste Jugendgruppe stünde als Treffpunkt der Seniorentreff im Rathaus Beethovenstraße zur Verfügung. Doch mittlerweile haben die älteren Schüler auch häufig nachmittags Unterricht. „Die Schüler sind stark gefordert, da bleibt nicht mehr viel Freizeit übrig“, weiß der Vorstand. So fängt „Nachwuchs“ bei der AG Philatelie mit 55 Jahren an: „Die haben früher gesammelt und noch ein paar Alben übrig und suchen ein Steckenpferd für die Rente“, beobachtet der ehemalige Getränkehändler.

Briefmarkensammeln meist Männersache

Der Verein geht ebenfalls auf die 50 zu und zählt derzeit 46 fast durchweg männliche Angehörige. Die ältesten gehen auf die 90 zu. 1963 haben sie mit zehn Leuten angefangen, erinnert sich der Mitgründer, „damals war der Nachwuchs noch fürs Markensammeln zu begeistern und wir hatten eine eigene Jugendgruppe“. In den 1970er Jahren zählte die Gemeinschaft mehr als 100 Mitglieder. Damals haben viele ihr Sortiment noch als „Rückhalt fürs Alter“ gesehen, dessen Wert mit den Jahren steige. Aber die Post brachte immer höhere Auflagen eines Motivs heraus. Waren es um 1950 noch fünf Millionen Papierchen einer Serie, legte der gelbe Riese zehn Jahre später schon 25 bis 30 Millionen Stück auf. Das Gegenteil passierte: Der Wert minderte sich. Einige Aktive konzentrieren sich auf Marken aus den USA und Skandinavien mit Grönland. Zwei Franzosen sammeln natürlich Zeugnisse ihres Heimatlandes, ein Spanier Exponate von der iberischen Halbinsel. Brosch selbst hat sich Argentinien und Brasilien herausgepickt. Er fürchtet, dass es irgendwann nur noch selbstklebende Abzeichen gibt oder Stempel und Striche, mit denen das Frankieren von Massen-Drucksachen erledigt wird. Die Stempel seien auch längst nicht mehr örtlich. Nur auf einer Poststelle bekomme man noch einen Aufdruck mit dem Namen der Stadt, sonst steht „Briefregion 6“ - für das Rhein-Main-Gebiet- drauf.

Die Arbeitsgemeinschaft tauscht an jedem zweiten Sonntag von 9 bis 12 Uhr im Seniorentreff des Rathauses Beethovenstraße, an jedem vierten in der Alten Post, Eisenbahnstraße 11 in Heusenstamm, so auch übermorgen. Am 19. Februar lädt der Verein zu einer großen Auktion von Alben und Sammlungen in den Gesellschaftsraum des Bürgerhauses ein. Ab 9 Uhr können die Gegenstände und Sortimente besichtigt, ab 10 Uhr ersteigert werden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare