Kolumbianerin Karen Vasquez liebt Europa und engagiert sich für ihre Heimat

Neu-Hausenerin ist von Deutschland fasziniert

Für ihre kolumbianische Heimat engagiert sich Karen Vasquez auch in Hausen.
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Für ihre kolumbianische Heimat engagiert sich Karen Vasquez auch in Hausen.

„Ich liebe Deutschland!“ So viel Zustimmung in drei Worten kommt selten über einheimische Lippen. „Ich mag diese Herausforderung und wollte in kein Land, in dem Englisch gesprochen wird“, betont Karen Vasquez. Sie hat bereits als Au-pair-Mädchen in Hausen gearbeitet, bald wird sie von dort aus in Frankfurt ihr bereits laufendes Studium fortsetzen. Und zwischendurch kämpft sie noch um Aufmerksamkeit für ihre kolumbianische Heimat, in der gerade Protesten mit brutaler Gewalt begegnet wird.

Obertshausen - Karen wuchs in Bogota auf, nahe der Altstadt Santa Fe und unterhalb des berühmten Klosters Monserrate in 3150 Meter Höhe. Die Liebe der Kolumbianerin zu Mitteleuropa wurde in der Schule geweckt. In einem Projekt in Klasse 11 sollte sie etwas „Außergewöhnliches“ präsentieren. Da die damalige Schulsprecherin schon einen Lehrer getroffen hatte, der ein bisschen Deutsch sprach, entschied sie sich darüber zu sprechen. „Mir gefällt der Klang der Sprache“, sagt Vasquez. In der Bibliothek begegnete sie zwei deutsche Jungs, die ihr kostenlos ein paar Stunden ihrer Muttersprache vermittelten. „Ich habe mir vorgenommen, Schritt für Schritt Kultur und Leute kennenzulernen“, resümiert sie.

Da Vasquez mehr lernen wollte, übernahm sie einen Job im „Instituto Cultural Colombiano-Aleman“ an, denn „Deutsch lernen ist teuer“. In dem privaten Institut an der Septima, der längsten Stadt-Straße der Welt, arbeitete sie täglich vier Stunden im Kiosk, konnte so nur selten einen der Kurse besuchen. „Aber du fühlst, dass du etwas von Deutschland weißt, und du musst hingehen“, beschreibt sie die Motivation.

An der Universität gab es nur kurz Gelegenheit, am offenen Sprach-Seminar teilzunehmen: Die Dozentin verließ die Einrichtung wegen eines Direktors, der Geld veruntreute. Immer wieder hatte Karen zudem versucht, an der „Nacional“ Medizin zu studieren. Inzwischen aber hat die 23-Jährige die Begeisterung für „permeable Zelloberflächen“ und die Evolution in der Insektenwelt Kubas gepackt und sich daher für ein Studium der Biologie auf Lehramt entschieden. Als Nebenfächer wählte die Neu-Hausenerin Chemie, Physik und Mathematik – und glänzte mit guten Noten. Das Feuer für Europa aber loderte weiter, die nächsten Hürden waren langwierige und komplizierte Verwaltungsakte, um ein Visum zu erlangen. Geholfen haben ihr Freund Juan David, der selbst in Hildesheim studiert hat, und ihre Erfahrungen mit ihrer kleinen Nichte: „Das war gut für meine Bewerbung als Au pair.“

Trotz eines Angebots aus Hamburg entschied sich Karen für Hausen. Ihre Gasteltern seien „sehr offen, jung, cool und lachen immer“. Die Mutter der fünf und vier Jahre alten Kinder war selbst als Betreuerin in Russland und den USA. „Ich hatte ein sehr gutes Gefühl“, erläutert die Südamerikanerin ihre Wahl.

„Wir drei lieben es, an der frischen Luft zu sein.“ So hat sie per Rad die Region erkundet, ist nach Seligenstadt, Langen, Offenbach und Frankfurt, sogar nach Neu-Anspach am Taunus gefahren. „Die RMV-Tickets sind sehr teuer“, begründet sie. Trotzdem ist sie aber auch abseits der Gastfamilie viel unterwegs. Mit dem Zug und neuen Bekannten aus Kolumbien, Ecuador oder Rumänien reiste sie nach Hamburg, Kassel, Mainz und Heidelberg, zum Karneval nach Köln und nach Belgien. „Ich habe also mehr Freunde aus anderen Ländern gefunden“, meint sie. „Es ist sehr schwer, Kontakt zu Einheimischen zu finden.“

Auch nach der Au-pair-Zeit unterstützt die Gastfamilie die junge Frau, die im Wintersemester in Frankfurt weiter studieren möchte. Dazu belegt sie in Offenbach und Frankfurt Deutschkurse. Und macht auf die Situation in ihrer Heimat aufmerksam: „Es ist schrecklich, viele Menschen sind umgekommen, vor allem junge.“ Die Polizei schieße auf Demonstranten, „du hast ein Gefühl der Ohnmacht“, beschreibt Vasquez die Situation. Seit Ende April wird Kolumbien von einer Protestwelle überrollt, berichtet tagesschau.de. Auslöser war eine Steuerreform, die zwar vom Tisch sei, doch gehe es längst um mehr. „Gerade die Schwächeren haben jetzt keine Arbeit“, sagt Karen Vasquez. Lebensmittel, Benzin und Straßengebühr wurden teurer. „Die Korruption ist enorm, eigentlich sind wir das gewöhnt, aber jetzt sind noch mehr Menschen betroffen.“ Sie betont, „mein Herz und mein Kopf sind bei meiner Familie und meinen Freunden“. Und bittet, „wenn du einen Kolumbianer kennst, tröste ihn“. (Michael Prochnow)

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