An Multipler Sklerose erkrankter Unfallfahrer verurteilt

Fahrlässige Tötung: Neun Monate auf Bewährung

Obertshausen - Entscheidung im Berufungsprozess vor dem Landgericht Darmstadt um einen tödlichen Unfall, der sich 2015 auf der B 448 ereignet hat. Der an Multipler Sklerose (MS) erkrankte Unfallfahrer wurde jetzt in zweiter Instanz zu neun Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteiltVon Stefan Mangold 

Es war ein tragischer Fall, der gestern vor dem Landgericht Darmstadt in zweiter Instanz verhandelt wurde: Ein Mann geht bei Grün über die Ampel, ein Auto erfasst ihn tödlich. Doch der Fahrer ist kein Raser, sondern ein Multiple-Sklerose-Patient, der den Fuß nicht vom Gas bekommt. Das Amtsgericht Offenbach hatte im vergangenen August wegen fahrlässiger Tötung eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 60 Euro verhängt. Das Landgericht verurteilt den 53-jährigen Obertshausener jetzt zu neun Monaten auf Bewährung und einer Geldauflage von 1500 Euro.

Die Staatsanwaltschaft hatte gegen das Urteil des Amtsgerichts vom 17. August 2017 Berufung eingelegt. Die Anklage hatte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr gefordert. Verteidiger Karl Kühne-Geiling hatte damals auf Freispruch plädiert und wollte ebenfalls in Revision gehen. Am 11. Juni 2015 war ein 34-jähriger an der Schönbornstraße bei Grün über die B 448 gegangen. Dabei wurde er vom Pkw des Obertshauseners erfasst, der mit 146 Stundenkilometern über die Kreuzung raste. Der Fußgänger flog 43 Meter und kam erst nach weiteren 40 zum Liegen. Er muss sofort tot gewesen sein.

Vor Gericht schildert der Angeklagte, wie ihn ab dem Tannenmühlkreisel eine spastische Lähmung im rechten Bein heimsuchte. Er habe vergeblich versucht, mit dem Arm sein Bein vom Pedal zu ziehen. In Panik sei ihm nicht die Idee gekommen, die Handbremse zu ziehen oder den Hebel seines Automatikwagens auf „N“ zu stellen. Der Angeklagte sitzt im Rollstuhl. Es strengt den wegen seiner MS verrenteten Ingenieur an, sich zu artikulieren. Richterin Barbara Bunk wird ihm später zu Gute halten, sich nicht durch einen Stapel von Attesten der Verhandlung entzogen zu haben, außerdem habe er seine Ärzte für den Prozess von der Schweigepflicht entbunden.

Bunk liest zu Beginn aus dem Offenbacher Urteil die Krankheitsbilder des Angeklagten aus den Jahren vor dem Unfall vor, erwähnt sich zunehmend heftiger entwickelnde Gangstörungen, Doppelbilder durch Augenschwäche, Sprach- und Konzentrationsprobleme. Der Staatsanwalt wirft dem Angeklagten vor, er hätte wissen können, nicht mehr fahrtüchtig zu sein. Schon 2012 habe ihm der Arzt diagnostiziert, nicht mehr als 50 Kilometer fahren zu dürfen. Der Angeklagte erklärt, sich nach einem stationären Klinikaufenthalt zwei Monate vor dem Unfall wesentlich besser gefühlt zu haben, weshalb er keinen Grund sah, sich einem Fahrtauglichkeitstest zu unterziehen. Der sei in der Klinik auch kein Thema gewesen, „ich dachte, es sei in Ordnung“. Er sei es gewohnt gewesen, dass sein Körper partiell nicht funktioniert, „aber nicht, dass sich mein Bein von selbst ausstreckt, mit diesen grauenhaften Folgen“.

Bilder: Tödlicher Unfall an Gathof-Kreuzung

Im Gegensatz zur Offenbacher Verhandlung räumt er ein, schon vor dem Unfall manchmal Krämpfe im rechten Bein bekommen zu haben. „Ich hatte Angst, im Straßenverkehr etwas übersehen zu können“, erklärt er auf die behutsam gestellten Fragen der Richterin, darauf zielend, ob ihn nicht Zweifel an seiner Fahrtüchtigkeit beschlichen hätten. Auf Vorschlag der Vorsitzenden einigen sich in der Verhandlungspause Anwalt Kühne-Geiling und der Staatsanwalt nur noch auf die Strafzumessung zu zielen, nicht mehr auf die Beweisaufnahme. Die vier Gutachter und die Zeugen dürfen gehen.

Der Staatsanwalt fordert neun Monate Haft wegen fahrlässiger Tötung, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung plus die Zahlung von 1500 Euro für einen gemeinnützigen Zweck. Der Angeklagte habe erkannt, nicht mehr ganz fahrtüchtig zu sein. Nebenklagevertreterin Jennifer Gehrke zitiert die Mutter des Toten, „ich habe lebenslänglich, ohne etwas getan zu haben“. Was selten passiert: Der Angeklagte schließt sich über seinen Anwalt der Forderung des Staatsanwalts an. Barbara Bunk folgt in ihrem Urteil den Anträgen. Die Richterin skizziert einen Verdrängungsprozess, der zur Sorgfaltspflichtverletzung führte, „Sie wollten den Verlust ihrer Mobilität nicht wahrhaben“. Die Geschehnisse seien nicht wieder gut zu machen, „Sie tragen daran schwer“.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion