War er's - oder war er's nicht?

23-jähriger gesteht Banküberfall und widerruft

Obertshausen - Wie schön, wenn man die Wahl hat. Ein bisschen Katz-und-Maus-Spiel treibt derzeit ein Angeklagter aus Obertshausen mit der 4. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Nachdem Carsten A. am ersten Verhandlungstag felsenfest gestand, er sei der Bankräuber, der am 3. Februar 2011 die Volksbank Mainhausen/Mainflingen mit Sturmhaube und Schreckschusspistole überfallen und knapp 16.000 Euro erbeutet hatte , sieht die Sache nun komplett anders aus. Jetzt behauptet der 23-jährige, er sei es doch nicht gewesen, sondern einer seiner osteuropäischer Gläubiger.

Hintergrund des Sinneswandels: zwei Augenzeuginnen hatten ausgesagt, der Räuber entspräche nicht dem Mann auf der Anklagebank. Die Volksbankangestellte C. J. : „Ich habe kurz nach seiner Flucht auf der Straße das Gesicht ohne die Sturmhaube gesehen. Das sah so narbig aus. Und er hatte einen starken ausländischen Akzent!“ Bäckereiverkäuferin R. I. aus Seligenstadt kennt ihre täglichen Stammkunden ganz genau und ist sich sicher, den fremden Bankräuber kurz vor seinem Coup mit Croissants und Kaffee versorgt zu haben – was dieser schon vor ihrer Aussage bestätigte.

Zeugen und Beweismittel herausfinden

Auch sie spricht von einem narbig-zerfurchten Gesicht, allerdings ohne Akzent: „Er war total aufgeregt, ist eilig hin und her gelaufen“, so die Verkäuferin. „Auf meine Fragen hat er gar nicht richtig reagiert.“ Beim Anblick A.s stellt sich bei ihr ebenfalls kein Aha-Effekt ein.

Nun steht Richterin Cornelia Hartmann-Grimm vor der schwierigen Aufgabe, mithilfe weiterer Zeugen und Beweismittel herauszufinden, welche der beiden Aussagen A.s der Wahrheit entspricht. Eventuell wird sie noch die Hilfe eines technischen Gutachters anfordern, der die Überwachungskamerafotos der Bank so intensiv wie möglich auswerten soll.

Der Obertshausener ist zwar nicht vorbestraft, familiär jedoch stark belastet: seine drei Geschwister blicken auf eine stattliche kriminelle Vita zurück, wurden zuletzt vor zehn Monaten wegen einer Tankstellenraubserie zu Haftstrafen verurteilt.

Wie glaubwürdig ist A. also wirklich?

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Hässlicher Bankräuber

Wie glaubwürdig ist A. also wirklich? Keine große Entscheidungshilfe bietet dabei die umfangreich gelieferte Vorgeschichte. Wegen eines frisch begangenen Verkehrsdelikts glaubt A. nach Internetrecherche, dass eine hohe Geldstrafe auf ihn zukommt (die sich später als wesentlich niedriger heraus stellt). Als Mechaniker in Ausbildung könnte er das Geld nicht aufbringen, die Bank gibt keinen Kredit, also fährt er in seiner Not ins Frankfurter Bahnhofsviertel. Hier findet er dubiose osteuropäische Geldgeber, die ihm für 50 Prozent Zinsen bei sechs Monaten Laufzeit 5000 Euro zustecken. Mit diesem Geld tilgt er auch noch andere Schulden, kann es erwartungsgemäß nicht fristgerecht zurück zahlen. Es kommt, was kommen muss: Drohungen und Schläge folgen, die „Geschäftsleute“ nötigen ihn zum Banküberfall. Mit einem Fahrer in einem weißen Kleinwagen trifft er sich in Seligenstadt, er bekommt eine die Pistole ausgehändigt, wird in der Nähe der Bank abgeladen.

Was danach folgt, ob jetzt A. oder wegen seiner Gewissenbisse doch der Fahrer die Bank überfällt, steht noch in den Sternen. Ein weiterer Prozesstag ist für morgen Nachmittag am Landgericht Darmstadt angesetzt.

Rubriklistenbild: © dpa

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