Künstlerische Erinnerungen

Flüchtlinge dokumentieren im Kreishaus die Bedeutung von Heimat

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Alte Heimat – Neue Heimat: Zu diesem Thema sind mehr als 20 Bilder noch bis zum 26. September im Kreishaus zu sehen.

Es sind Gemälde von längst vergangenen Tagen – Momente, die die Künstler in sich tragen und die sie noch mit ihrer Heimat verbinden.

Obertshausen – Mehr als die Erinnerung ist den Flüchtlingen, die ihre Kunstwerke jetzt im Foyer im Kreishaus in Dietzenbach ausstellen, nicht geblieben.

Wie sein Vater aussieht, weiß Tebarek Abadura Nabafita nicht mehr. Vor fünf Jahren ist er aus Äthiopien nach Deutschland gekommen, seitdem wohnt er wie die anderen Künstler in Obertshausen. Fünf Jahre sind eine lange Zeit und Erinnerungen verschwimmen, deshalb hat er seinen Vater aus dem Gedächtnis gezeichnet. Der alte grauhaarige Mann auf dem Bild stützt seine Hände auf einem Gehstock ab. „Wahrscheinlich denkt er: Was willst du denn schon wieder von mir“, sagt Abadura Nabafita und lächelt dabei.

„Vater!“ ist eines von 29 Gemälden, die unter dem Motto „Alte Heimat – Neue Heimat“ zu sehen sind. Gemalt wurden sie von Flüchtlingen aus Äthiopien, Irak, Syrien, Iran, Afghanistan und Usbekistan.

Auch die Bilder von Atefa Mousavi und Maryam Mehryar sind zu sehen. Die beiden jungen Frauen sind Ende 2015 aus Afghanistan geflohen. Mousavi zeigt auf ihrem Bild „Meine schöne Heimat“ einen großen, idyllisch von Bergen umrahmten Badesee in Bande Qarqa. Mehryar verbindet auf ihrem Bild die Sehenswürdigkeit „Taq-e-Zafan“ mit spielenden, fröhlichen Kindern und ortsüblichen Trachten.

„Was ist eigentlich Heimat? Was macht sie aus? Und kann man an mehreren Orten zu Hause sein?“ Diese Fragen hat sich das Kunstprojekt des Malteser Hilfsdiensts Stadt und Kreis Offenbach gestellt und versucht mit Flüchtlingen künstlerisch zu beantworten. „Die Idee zu unserem Kunstprojekt ist uns während der Wanderausstellung Yallah gekommen“, erläutert die Ehrenamtskoordinatorin der Malteser Katy Walther (MdL, Grüne). Zusammen mit Annegret Kraus von der Städtischen Flüchtlingshilfe entwickelten die beiden das Konzept. Künstlerische Unterstützung finden sie in den beiden Obertshäuser Künstlern Alice Schütte und Jörg Engelhardt vom „Atelier im Garten“.

„Das war eine richtig tolle Zusammenarbeit“, sagt Walther. „Wir haben uns mit den Flüchtlingen getroffen und zunächst das Thema gesucht.“ Schnell einigte man sich auf die Verbindung zwischen der alten und der neuen Heimat. Die Künstler haben sich Fotos ihrer Herkunftsorte im Internet gesucht, auf ein großes Blatt geklebt und es entweder vervollständigt oder erweitert. Sousan Hamo hat ihr Motiv mit einem neuen Thema versehen, indem sie unter das Bild ihr Wohnzimmer gemalt hat. Der Name ihrer Komposition: „Zuhause“

Eröffnet wird die Ausstellung von der Ersten Kreisbeigeordneten Claudia Jäger, die auch die Integrationsbeauftragte des Kreises Offenbach ist. „Ich bin sehr stolz, dass es gelungen ist, diese Ausstellung ins Kreishaus zu holen“, sagt Jäger. Jeder Künstler habe eine Geschichte zu erzählen. „Einen Abend konnten sich die geflüchteten Frauen und Männer künstlerisch mit ihrer alten und neuen Heimat auseinandersetzen“, erzählt Jäger. „Dazu stellten sie Fotos aus ihrer alten Heimat, aber auch Motive aus ihrer neuen Heimat Obertshausen zusammen.“

„Wir waren tief bewegt, wie sich die geflohenen Menschen auf unser Kunstprojekt eingelassen und welche Einblicke sie uns in ihr Innerstes gewährt haben“, beschreibt Katy Walther ihre Erfahrungen während des Projektes. „Wir haben Talente entdeckt, die nun über ein Kunst- und Kreativgruppe der Malteser unter der Leitung von Jörg Engelhardt weiter gefördert werden.“ Dieser ist von der Zusammenarbeit beeindruckt. „Jeder Mensch kann irgendwas besonders gut“, erläutert er. „Und die Offenheit und Herzlichkeit, die die Menschen haben, ist eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft“, sagt er. „Es hat riesigen Spaß gemacht.“

Die sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum 26. September geöffnet.

VON BURGHARD WITTEKOPF

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