Vdk testet Barrierefreiheit im Straßenverkehr

Bordsteinkante wird zur Hürde

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Trotz schmalem Rollstuhl wird es eng für Philip: Nur knapp einen Meter Abstand misst Werner Friedrich von der Hauswand bis zu dem geparkten Auto.

Das wird eng. Einen Meter braucht auch das sportliche Model von Philip mindestens. Knapp 100 Zentimeter ermittelt Werner Friedrich, der seinen Zollstock ausklappt und von der Hausfassade bis zum Außenspiegel des geparkten VW Golf misst.

Obertshausen – Die Gruppe mit zwei Rollstuhlfahrern und einem Rollator ist kaum 100 Meter unterwegs und die Tour gerät bereits ins Stocken. Der Ortsverein des Sozialverbands VdK hat zur Testfahrt eingeladen.

Für Menschen mit einer Behinderung am Gehapparat gibt es heute vielfältige Hilfsmittel, und im Kindergarten lernen schon die Jüngsten Verständnis für Leute mit Handicap. Das setzt sich auf der Straße jedoch nur sehr langsam durch, lernen die Teilnehmer an dem kurzen Spaziergang vom Bürgerhaus Hausen zur Metzgerei Picard an der Steinheimer Straße.

Genau genommen fangen die Probleme schon bei der Querung der Gumbertseestraße an. Mit der „gut’ Stubb’“ der Stadt im Rücken können die drei Tester mit ihren Gefährten noch ganz gut den Gehweg verlassen, der Randstein ist abgesenkt. Nicht aber auf der Seite des Feuerwehrhauses, dort genießen den Vorteil nur die Nutzer, die aus oder in Richtung Waldschule rollen. Also schlägt Rollifahrer Gianfranco einen Bogen und versucht von Norden her wieder auf den Bürgersteig zu gelangen. Ausgerechnet in diesem Moment nähern sich von drei Seiten Fahrzeuge. Keiner der Lenker wartet die Operation des Trios ab, alle kurven mit einem Anstands-Abstand um das Experiment herum.

Zurück auf dem Trottoir plaudert der Familienvater aus seinem Erfahrungsschatz. Das vom VdK als behindertenfreundlich ausgezeichnete Bürgerhaus sei „okay – wenn das Behinderten-WC offen ist“. Auch auf den Knochen, den Pflastersteinen mit den kleinen Fugen, lasse es sich gut fahren.

„Da musste mal zu meinem Zahnarzt kommen“, wirft Philip ein. Der 17-Jährige lebt im Wohnheim an der Waldschule. Zum Dentist werde er zwar gefahren, und im Gebäude gebe es auch einen Aufzug, doch der sei so eng, dass der Teenager sein Fußbrett am Rolli demontieren muss.

Inzwischen hat das Team das Feuerwehrhaus erreicht. Deren Einsatzkräfte in so einem tonnenschweren Drehleiterwagen werden den Übergang vom Hof auf die Fahrbahn kaum spüren. Christa, die ihr Sauerstoffgerät vorne im Rollator untergebracht hat, schafft es auch runter. Um den Bürgersteig gegenüber erklimmen zu können, muss sie jedoch auf der Straße eine Drehung vollführen und ihren Wagen rückwärts auf den Gehsteig hieven.

Aber es kommt noch dicker. An der Liebknechtstraße parken Anwohner so weit auf dem Bürgersteig, dass die drei Gehbehinderten eigentlich auf den viel befahrenen Asphalt ausweichen müssen. Davor bewahren sie die Begleiter. VdK-Vorsitzende Nicole Amerschläger bugsiert Philip zwischen Fallrohr und Kotflügel hindurch. Alleine wäre das ein Vabanquespiel, denn viele der quadratischen Platten sind lose, und die gesamte Fläche ist abschüssig. Ohne Halt bewegen sich die Wagen von Gianfranco und Philip ganz rasch auf die Fahrbahn zu.

Das geht auch Julia Koerlin so. Die Stadtverordneten-Vorsteherin ist ebenfalls gehbehindert, die unebenen Flächen bereiten ihr Schwierigkeiten mit der Balance. Die Kommunalpolitikerin schlägt vor, bei der Planung von Baumaßnahmen mehr die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen zu berücksichtigen. Vor dem Friseurgeschäft an der Windthorststraße sowie an der Treppe der alten Krone wird’s noch mal richtig eng.

VON MICHAEL PROCHNOW

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