Geschliffene Verse vor dem Anstich

Kerb in Obertshausen: Baum mit besonderem Flaschenzugsystem aufgestellt

Festzug zum Auftakt der Kerb: Mit dabei sind Bürgermeister Roger Winter (links), Bundestagsabgeordneter Björn Simon (hinten) und Pfarrer Norbert Hofmann (rechts). Zum Programm gehören auch Frühschoppen und Platzkonzert. Foto: M

Die Kerb in Obertshausen ist nicht die größte, hat aber einige Besonderheiten zu bieten.

Obertshausen - Sie ist nicht die größte Kerb, und nach kaum 24 Stunden ist’s auch wieder vorbei mit der Bierseligkeit. Aber da ist neben dem größten Caravaca-Kreuz der Welt außerhalb der heiligen Stadt noch etwas, das es wohl nur auf dem Pilgerplatz St. Thomas Morus gibt: den Mechanismus, mit dem die Kleingärtner den Kerbbaum aufrichten. Am Samstagnachmittag war es wieder soweit, und Dutzende Zuschauer bejubelten die erfolgreiche Aktion vor dem Glockenturm der Pfarrkirche.

Der Seelsorger mit Birett, Pfarrer Norbert Hofmann, Bürgermeister Roger Winter und Bundestagsabgeordneter Björn winkten den raren Fußgängern auf den Gehwegen und den Bewohnern an den Fenstern zu – da wünscht sich Roger Winter vorm Bieranstich noch mehr Teilnahme an der Tradition. Ein dickes Lob sprach er den Organisatoren aus und jenen Gruppierungen, die sich aktiv an der Kerb beteiligen. Das Blasorchester von der Turngesellschaft spielte im Wechsel mit den Nodebabbschern vom Karnevalsverein. Die Blauschürzen machten mit riesigen Fahnen auf sich aufmerksam.

Aus Hausen waren auch diesmal die Radler vom Männerchor der Sängervereinigung dabei, dem Kleingärtnerverein zollten Zuschauer Applaus für ihren prächtig dekorierten Wagen mit Erntekrone, die ein weiteres, doppelarmiges Kreuz aus der befreundeten Stadt in Südostspanien zierte. Geschickt und nach einem präzisen Plan lösten Mitglieder den fast zehn Meter langen, lackierten Baum vom Hänger des Unimogs und legten ihn in die spezielle Vorrichtung auf der Wiese vor St. Thomas Morus. Manuel Romero, der Erfinder des Flaschenzugsystems, Vorsitzender Siegfried Wilz und ihr Team kennen jeden Handgriff, jede Schraube, fixierten den Stamm und hievten ihn mit einem langen Hebel Schritt für Schritt in die Höhe, unterstützt von weiteren Lederhosen-Trägern und einer Halterung aus zwei Stangen und einer Kette. In luftiger Höhe sah man nun die Wappen der beteiligten Vereine.

Während die Sänger gute Tropfen und frischen Federweißen ausschenkten, mixte die Junge Union direkt an der Bühne Hütchen und Longdrinks. Die Kickers servierten Hamburger, die Turngemeinde Brat- und Mexikowurst, Hackbraten und Pommes – auch aus Süßkartoffeln, warb Vorsitzender Thomas Zeiger. Die Reservisten bereiteten auf ihrem Stammplatz an der Straße Suppen und Steaks zu und fragten fast jeden Kunden, ob er nicht eine Herberge für den Verein hat, dem die Räume in Heusenstamm gekündigt wurden.

Der FC Croatia zog am Sonntag mit einem goldbraunen Spanferkel die Blicke auf sich. Kaffee und Kuchen bot der Freundeskreis der katholischen Jugend feil, Feuerwehrverein und Jugendwehr führten den Bierwagen, verkauften auch Eis und Crêpes.

Vorm Bieranstich gefiel Kerbvadder Heinz Jürgen Grab mit geschliffenen Versen. „Den Hintergrund der Kerb ich euch verrat’, es ist und bleibt der Kirchweihtag!“ Das hinderte ihn nicht, auch politisch zu kommentieren: „Bürgermeister werden ist nicht schwer, Bürgermeister sein dagegen sehr. Ich tu’ nicht Namen sonderlich verraten, denn ich grüße alle Kandidaten, die für die Kleinstadt mit Herz stellen sich zur Wahl im März.“ Der Zylinderträger betonte noch, „ob parteilos oder nicht ist nicht so wichtig, nur könne’ muss er’s, und zwar richtig“.

Aus welchem Stadtteil er kommt, sei einerlei, das „Wir-Gefühl“ möge entscheiden. Von dem „armen Kerl“ werden Kita-Plätze erwartet, ein großes Herz für die Natur, ein neues Rathaus und Gewerbesteuern. Doch, „nur fordern, das scheint wichtig. Wo das Geld herkommt, ist wohl nichtig“. Zur Lourdes-Grotte im Pfarrgarten befand er: „Toll und nicht verkehrt, wenn man Heilige auch heute noch verehrt“.

Ein bisschen zündelte er dann aber doch noch: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wo gibt’s die schönste Kerb im Land? Niemals dort in Hausen, die schönste gibt es nur in Obertshausen!“.

VON MICHAEL PROCHNOW

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