Sageblatt-Effekt stört Konzentration

Infoabend warnt Eltern vor Gefahren durch Smartphone und Co. 

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„Wir leben im Zeitalter des Augenblicks“, sagt Cordula Kahl. Die Aufmerksamkeit reiche oft nur bis die nächste Nachricht komme.

„Ich kommuniziere, also bin ich“, lautet die Erkenntnis in Anlehnung an ein Zitat des Philosophen René Descartes.

Obertshausen –  Doch, lassen sich mit dem Smartphone alle Probleme lösen? Die intensive Nutzung der Geräte lasse vermuten, dass schon Kinder diesem Glauben verfallen sind. Fast 30 Mütter und Väter lauschten am Mittwochabend auf Einladung der städtischen Kinder- Jugendförderung im Rathaus Beethovenstraße einem Vortrag der Pädagogin und Theologin Cordula Kahl vom Institut für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen (MuK) in Darmstadt.

„Die größten Ängste der Kinder sind: Kein WLAN, Akku ist leer.“ Die Bedeutung des Smartphones für die Jugend untermauerte die Referentin mit zwei Fotos: In den 90er-Jahren amüsierten sich die jungen Leute auf einem Konzert, heute schicken sie Fotos vom Auftritt über soziale Medien an ihre Kontakte. „Was nicht auf Instagram ist, findet nicht statt“, brachte es Cordula Kahl auf den Punkt. Erst wenn eine Aktion übers Mobiltelefon geteilt sei, werde sie zu erlebten Realität. „Wir leben im Zeitalter des Augenblicks“, meint der Gast, „danach ist sofort alles wieder Vergangenheit“. Das bestätigte ein Bild von einer Haltestelle: Alle starren aufs Handy – nur einer nicht, „was ist los mit ihm?“

Langeweile gebe es nicht mehr. Dank der Technik sei man ständig abgelenkt, könne es nicht zulassen, nichts zu tun. Die Aufmerksamkeit reiche oft nur bis die nächste Nachricht komme: Die Konzentration auf eine Arbeit falle dann ab und müsse erst wieder aufgebaut werden. Dieser „Sägeblatt-Effekt“ reduziere die Aufmerksamkeit gerade in den Grundschulen spürbar.

Der permanente Blick aufs Display führte in China zur Einrichtung eigener Fußwege für Smartphone-Nutzer und gar zu Bodenampeln in Europa. Nach aktuellen Umfragen sei der drahtlose Internet-Zugang jungen Leuten wichtiger als Sex. Die Pubertät beginne heute schon in der dritten, vierten Klasse, die Jugendphase dauere bis 30, die Kinder lebten länger zu Hause.

Auch die Stars der Video-Kanäle im Netz würden immer jünger, von der Industrie gefördert. So steigere die Kosmetikbranche ihren Umsatz – seit 2011 um 30 Prozent. „Jeder will ständig gut aussehen“, erläuterte die Expertin. Lippenstifte seien für Neunjährige bereits wichtiger als Puppen und stolze 1,2 Millionen der Drei- bis Achtjährigen seien bereits online.

Im Kindergarten kennen alle die Logos von Whatsapp und Youtube, „wir sprechen von einer ViRealität“, der Vermischung von virtuellen Welten und der Realität. Dabei lerne der Nachwuchs am besten durch eigene Erfahrungen, durch schmecken, riechen, fühlen und dem Erleben mit dem ganzen Körper. Auch schreiben lernen gehöre dazu.

Allerdings werden viele reale Erfahrungen aus angeblichen Sicherheitsbedenken nur „pädagogisch inszeniert und abgesichert“. So werde „die Welt für Kinder immer schlimmer, immer einschränkender“. Knapp die Hälfte der Mädchen und Jungen zwischen vier und zwölf Jahren könnten nicht mehr auf einen Baum klettern.

Versicherungen bieten Policen gegen Cyber-Mobbing, vernetzen die Eltern per Chip im Schulranzen mit dem Nachwuchs. So können die Sprösslinge weder Selbstständigkeit noch Verantwortung üben. Die Expertin mahnte auch vor einem pädagogischen Rückfall, wenn die Geschlechter wieder über bestimmte Farben und Tätigkeiten und damit alte Rollenbilder definiert werden.

Auch einige Erzieherinnen unter den Zuhörern plädierten dafür, mit den Kindern über Gefahren aus dem Netz zu reden, mit den Jüngsten beispielsweise nur gemeinsam im Internet zu surfen.

VON MICHAEL PROCHNOW

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