Interview: Sprechstunde für psychisch Kranke

"Wir sind ein Anker"

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Der Sozialpsychiatrische Dienst des Kreises bietet seit vergangenem November eine Sprechstunde für psychisch Kranke und deren Angehörige im Rathaus an. Im Interview sprechen zwei Mitarbeiter über Aufgaben und Ziele.

Obertshausen - Hossein Saleh und Julia Koerlin, Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes, sprechen im Interview über die Sprechstunde für psychisch Kranke.

Depression, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen – die Liste der Erkrankungen, mit denen sich Betroffene oder Angehörige an den Sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises wenden, ist lang. Seit November bietet er die Sprechstunde für Obertshausener und Heusenstammer im Rathaus Beethovenstraße an. Im Gespräch mit Redakteurin Lena Marie Jörger erläutern Diplom-Soziologe Hossein Saleh und Julia Koerlin, Leiterin des Dienstes und Ärztin für Neurologie und Psychiatrie, wie es dazu kam.

Erst mal vorab: Was macht der Sozialpsychiatrische Dienst genau?

Koerlin: Er ist eine Einrichtung des Kreises Offenbach, zugeordnet dem Fachdienst Gefahrenabwehr und Gesundheitszentrum. Er existiert seit 1983, 1990 wurde er ausgebaut. Fast jeder Kreis in Hessen hat einen Sozialpsychiatrischen Dienst, der nach den selben gesetzlichen Grundlagen arbeitet. Die Ausstattung ist aber

Koerlin: Wir machen keine Therapie, sondern beraten, begleiten und vermitteln an andere Ansprechpartner. Wir kümmern uns um psychisch kranke Menschen ab 18 Jahren, die im Kreis leben: oftmals in schwierigen Verhältnissen. Wir unterstützen sie dann bei der Bewältigung sozialer Angelegenheiten, versuchen, sie zu einer Behandlung zu motivieren und begleiten die Klienten in ihrer Krise.

Was bedeutet das genau?

Koerlin: Das kann eine ganz pragmatische Begleitung sein, etwa zur Arbeitsagentur, damit die Kommunikation zwischen Sachbearbeiter und Klient auch funktioniert.

Saleh: Es gibt auch Situationen, in denen man Menschen zum Arzt begleiten muss, weil sie es allein nicht dorthin schaffen.

Koerlin: Unsere Grundhaltung ist Respekt. Wir respektieren auch den Lebensstil der Klienten. Wir kritisieren ihn nicht. Unser Ziel ist eigentlich die Hilfe zur Selbsthilfe.

Bislang war die Sprechstunde in den Räumen der Stiftung Lebensräume beheimatet. Warum wurde sie nun ins Rathaus Beethovenstraße verlegt?

Koerlin: Das Rathaus ist eine zentrale Anlaufstelle, die Klienten wissen auch schneller, wo sie hinmüssen. Wir wollen den Klienten die Möglichkeit geben, spontan vorbeizukommen, wenn sie gerade aus einem anderem Grund im Gebäude sind. Sie, aber auch unsere Mitarbeiter und die des Rathauses sollen kurze Wege haben. Das erleichtert die Zusammenarbeit.

Was sind die häufigsten Erkrankungen, mit denen Klienten zu Ihnen kommen?

Koerlin: Wir betreuen überwiegend Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, schwerer Depression, die sich über viele Jahre hinzieht, und ausgeprägten Persönlichkeitsstörungen. Meistens kommen Menschen zu uns, die durch ihre Krankheit finanzielle Probleme, Schwierigkeiten mit der Wohnung oder am Arbeitsplatz bekommen.

Kommen die Betroffenen von selbst auf Sie zu?

Saleh: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal nehmen die Betroffenen selbst mit uns Kontakt auf. Manche sind aber so schwer krank, dass sie das gar nicht selbst können. Häufig melden sich deshalb Angehörige oder Bekannte bei uns, oder andere Institutionen melden uns Fälle.

Machen Sie auch Hausbesuche?

Koerlin: Ja, das ist ein Schwerpunkt bei uns. Wenn die Klienten nicht zu uns kommen können, gehen wir vor die Tür. Und wir gehen auch zwei Mal vor die Tür. Das unterscheidet uns von anderen Beratungsstellen, die nicht außer Haus beraten.

Wie lange dauert die Begleitung in der Regel?

Koerlin: Das ist unterschiedlich. Es gibt Klienten, die sind schon seit zehn, zwölf Jahren bei uns. Sie brauchen einfach jemanden, der wertfrei und respektvoll die Dinge, die sie erleben und wahrnehmen, annehmen kann und mit ihnen darüber spricht.

Saleh: Viele Menschen brauchen das, weil es ihnen Stabilität gibt.

Koerlin: Ja, wir sind manchmal ein Anker. Die Klienten brauchen den Kontakt zu uns, um wieder Normalität in ihr Leben zu bringen. Da geht es nicht nur um das Ordnen von Unterlagen, sondern das funktioniert über Gespräche.

Die Zahl an Menschen mit psychischen Erkrankungen nimmt immer mehr zu. Können Sie das in Ihrer Arbeit auch feststellen?

Koerlin: Solche Effekte messen wir nicht. Die Zahl unserer Klienten ist weitgehend stabil. Die Zahl an Erstkontakten und an Klienten, die zwischen drei- und fünfmal zu uns kommen und die wir dann an andere Institutionen vermitteln, hat aber zugenommen. Die Langzeitbegleitung nimmt dagegen etwas ab. Das hängt damit zusammen, dass es andere Angebote gibt. Vor zwanzig Jahren gab es betreutes Wohnen oder Tagesstätten nicht in der Form.

 

von Kreis zu Kreis verschieden.

Welche Aufgaben hat der Dienst?

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