Sogar Theater bei den Sängern

135 Jahre Hausener Chöre

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Die Sängervereinigung während eines Konzerts. -

Obertshausen - Auf den Namen Sängervereinigung haben sie sich anno 1919 beim Zusammenschluss geeinigt. Als Gründungsdatum legten sie damals das ihres älteren Teils fest: Es war 1881, als der Liederkranz aus der Taufe gehoben wurde, drei Jahre vor der Germania. Von Michael Prochnow 

Anno 2016 feiern die heute drei Abteilungen des Gesangvereins ihr 135-jähriges Bestehen. Es ist ein kleines, aber stolzes Jubiläum. Welcher Verein kann schon auf eine solch bewegte Chronik verweisen wie die Hausener Chöre. Als Sängervereinigung startete ihre erste Singstunde mit 101 Männern, das erste Konzert gaben sie 1920. Danach wuchs das Ensemble sogar auf 145 Aktive an, kehrte mit großen Erfolgen von Wettbewerben heim und öffnete obendrein eine Theaterabteilung. Im März 1933 wurde der Verein von den Nazis für ein halbes Jahr „abgesetzt“. Fünf Jahre später unternahmen die Hausener zahlreiche Konzertreisen ins Rheinland. 1939 riefen sie einen Kinderchor ins Leben, der jedoch schon bald wie alle anderen Unternehmungen wegen des Krieges eingestellt werden musste. „Auf Befehl der örtlichen Parteiführung wurde 1944 in einer Nacht- und Nebelaktion der Vereinsschrank geplündert“, vermerkt die Chronik. Dabei wurden zum Teil sehr schwere und wertvolle Pokale gestohlen. Motiv: „Einschmelzung für Waffen zum Endsieg“, hieß es im Protokoll der Sänger.

Nach der Zulassung durch die amerikanische Militärregierung begann die Vereinigung 1946 mit 58 Stimmen neu. Sie trafen sich im „Goldenen Engel“ an der Herrnstraße, auch die Laienspielgruppe stand wieder auf der Bühne. Bald kam noch ein Quartett hinzu. Beim 75. Geburtstag stellten Bürger 400 Betten für Gastchöre zur Verfügung, die 1956 am Jubiläumsfest mitwirkten. Das Bürgerhaus ist seit seiner Eröffnung 1962 das Probenlokal. Eine neue Ära läutete der Vorstand 1973 ein, als er Diplom-Kapellmeister Hans Schlaud als Chorleiter verpflichtete – diese Funktion übt er bis heute aus! Mit ihm holten die Männer fast immer und überall Klassen-, Ehren-, Meister- und Dirigentenpreise. Vom Erfolg getragen reiste der Chor kreuz und quer durch die Republik und in die Partnerstadt Laakirchen.

2003 formierte und dirigierte Ralph Pittich den Frauenchor Canto Felice, den Pavlina Georgiev seit 2009 führt. Beim 125-jährige Bestehen traten 1000 Sänger in einem Wettstreit an. Es folgten erneut große Reisen und fulminante Konzerte. 2012 kommt der Jazz-, Rock- und Pop-Chor Blue Notes unter Leitung von Marcus Rüdel dazu. Ist der klassische Männerchor passé? Bei der Sängervereinigung keineswegs, betonen Vorsitzender Harald Wagner und sein Stellvertreter Heiko Röhrig wie aus einem Munde. 47 Herren sind bei jeder Probe präsent, aber es sei schon schwer, Nachwuchs zu finden. „Das geht nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda“, lautet die Erfahrung der beiden Leiter, „Sänger bringt Sänger mit“.

Für die Zukunft sei das Vereinsleben ganz wichtig. Bei Konzerten müsse es lockerer zugehen, damit sich auch Kinder wohl fühlen und die Akteure kennen lernen. „Früher gab’s im Ort nichts anderes, nur Turnen, Fußball, Feuerwehr und eben den Männerchor“, begründen die Ehrenamtler die aktuellen Schwierigkeiten: „Heute ist die Auswahl an Freizeitangeboten viel breiter“. Flexible Arbeitszeiten machen den Probenbesuch nicht einfacher – und: „Die Leute wollen sich nicht mehr binden“, beobachtet Wagner. Jüngere Chöre haben stärker mit der Fluktuation zu kämpfen, während Frauen leichter zu gewinnen seien, resümiert Röhrig. „Vielen Männerchören bleibt nichts anderes übrig, als neben der traditionellen auch moderne Literatur ins Repertoire aufzunehmen“, meint der einstige Vorsitzende und Chorleiter Pittich. Eine „180-Grad-Wende“ wie das Ausmustern altgedienter Sänger zugunsten eines Hochleistungschors „geht gar nicht“. Zum Konzept der Sängervereinigung gehöre eine „Mischung aus Stilrichtungen als Ergänzung zum Chor-Angebot in der Stadt“, formuliert Wagner. Keinesfalls sehe man sich als Konkurrenz zur Sängerlust. Derzeit bereiten die Männer den Auftritt im Konzertchor Hans Schlaud im Wiesbadener Kurhaus vor. Im Programm steht ferner eine Fahrt nach Dresden, eine Radler-Gruppe ist im Sommer per Drahtesel unterwegs, im Winter wandert sie. Nach Grillfest und Kerb folgt das Weihnachtskonzert in Herz Jesu.

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