Joachim Zweigler ist neuer Schiedsmann

Mehr Mediator als Richter

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Nach fünf Jahren gibt Schiedsfrau Barbara Stumpf (Mitte) ihr Amt an Nachfolger Joachim Zweigler (Dritter von rechts) weiter. Verabschiedet wurde sie von ihrer Stellvertreterin Elke Kunde, Amtsgerichtspräsident Stefan Mohr, Bürgermeister Roger Winter und Erstem Stadtrat Michael Möser.

Obertshausen - Schlichten statt richten, das ist das Motto der ehrenamtlich tätigen Schiedsleute. Gestern verabschiedete sich Barbara Stumpf von dem Posten, Amtsgerichtspräsident Stefan Mohr vereidigte den Arbeitsrichter im Ruhestand, Joachim Zweigler. Von Michael Prochnow 

Fünf Jahre war Barbara Stumpf Schiedsfrau – ein Job, „in dem man nicht in der Zeitung glänzen kann“. Wichtig sei, dass man gut Kontakt zu Menschen herstellen kann und konflikterprobt ist, gab sie ihrem Nachfolger mit auf den Weg. Er gelangte durch einen einstimmigen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung zu der Aufgabe. Zweigler war in seiner aktiven Zeit im selben Gebäude des Amtsgerichts Offenbach tätig wie der Präsident.

Mohr kennt die Arbeit der Schiedsfrauen und -männer von Besprechungen. „Sie müssen mit Herzblut bei der Sache sein“, sagt er. Und das war Barabara Stumpf. Der Spaßfaktor sei zwar bescheiden, resümierte sie, doch sie habe es gern gemacht. Die meisten Begegnungen führen zu einer Schlichtung, das sei für die Sache gut und entlaste das Gericht. Andernfalls erhalten die streitenden Parteien eine Erfolglosigkeitsbescheinigung – in manchen Fällen, wie etwa Konfrontationen mit dem Nachbarn, die Voraussetzung für den Gang zum Gericht.

Die Scheidende sprach von einem „bunten Strauß von Streitigkeiten“, die das ganze Bürgerliche Gesetzbuch berühren und oft „mit menschlichem Sachverstand“ gelöst werden können. Zweigler komme zugute, dass er in Mediation geschult ist: „Viele Prozesse werden mit einem Vergleich erledigt“, weiß er. Es gelte, die Parteien zueinander zu führen und ein gesichtswahrendes Ergebnis zu finden, mit dem jeder leben kann.

Die pensionierte Lehrerin verglich die Arbeit mit der Mediation bei Schülern. Gesprochen werde meistens nur über die „Spitzen der Eisberge“, und „bei Erwachsenen ist der Unterwasser-Teil des Berges, der zu Konflikten führt, größer“. Zudem gebe es mehrere „Spitzen“, die angesprochen werden müssen.

Über konkrete Beispiele könne sie nicht plaudern, „brisante Fälle würden schon mit einer Andeutung den Datenschutz verletzen“. Das Wichtigste war ihr stets, den Leuten klar zu machen, „dass sie Hilfe erwarten können, aber keine Entscheidungen“, auf die müssen sie sich selbst einigen. Als Mediator könne sie Menschen zueinander bringen, „Kommunikationsblockaden“ lösen, Wege aufzeigen. „Die Menschen sind heute sprachlos, können nicht mehr zuhören“, beobachtete die Pädagogin.

Klar, „finanziell lohnt sich‘s überhaupt nicht und man schafft sich nicht nur Freunde“. Aber die Vermittlung sei eine „wunderbare Sache und bringt persönliche Zufriedenheit“. Vier bis acht Fälle habe sie pro Jahr bearbeitet, etwa 20 Tür-und-Angel-Gespräche geführt und einmal im Monat Sprechstunde gehalten.

Der größte Teil der Fälle seien Nachbarschaftsstreitigkeiten, etwa Lärm- und Geruchsbelästigung oder weil Wasser von der fremden Garage in den eigenen Garten fließt. Manche Anwohner haben Probleme mit der Kamera-Überwachung des Hausbesitzers nebenan, andere fühlen sich durch Überflüge von Spielzeug-Drohnen mit Kameras gestört. Solche Beschwerden nehmen zu.

Dann gebe es Unstimmigkeiten mit Abrechnungen, auch bei Mietern städtischer Wohnungen, daneben immer mehr Konflikte bei Eigentümer-Versammlungen, aber „keine Besonderheiten bei Personen mit Migrationshintergrund“, betont Stumpf. Einzelfälle erfordern wegen leichter Körperverletzung die Anwendung des Strafrechts. Und noch eine Erfahrung: „Wenn ein Anwalt eingeschaltet ist, rückt ein Vergleich oft in weite Ferne.“

„Wir müssen uns nicht genau ans Nachbarschaftsrecht halten“, unterrichtet die Pensionärin, „das ist die Freiheit des Schiedsamts, wir können uns auf andere Formulierung einigen“. Sie baute immer auf einen „gesunden Menschenverstand“, eine Einigung werde allein von den streitenden Parteien unterschrieben. Der Schiedsmann dokumentiert nur und unterliege der Verschwiegenheitspflicht.

Doch bei allem Interesse, „fünf Jahre reichen“. Barbara Stumpf dankte ihrer Stellvertreterin Elke Kunde und nahm die zweite Entlassungsurkunde nach der vom Kultusministerium entgegen.

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