25 Jahre Mauerfall

Die Macht des Zufalls

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Über die BRD-Botschaft in Prag kam Jürgen Hager in den Westen. Seit 1992 unterrichtet er an der Hermann-Hesse-Schule.

Obertshausen - Acht Stunden lang rennt Jürgen Hager durch die Dunkelheit. Er kennt sich nicht aus, aber sein Ziel kennt er ganz genau: die Botschaft der BRD in Prag. Hager, damals 40 Jahre alt, will wie Tausende DDR-Bürger dorthin und weiter in den Westen. Von Lena Marie Jörger 

Ob das auch gelingt, weiß er nicht. Er hofft. Er hat Glück. Nur einen Tag später darf er ausreisen. Es ist der 1. Oktober 1989. Hager ist einer der ersten, die in dieser Nacht in Sonderzügen der Reichsbahn die DDR verlassen. Und genau das wird ihm zum Verhängnis. Jahrelang kämpft der Pädagoge, der an der Hermann-Hesse-Schule Mathe und Physik unterrichtet, für seine Anerkennung als Studienrat, klagt sogar gegen das Land Hessen. Vergeblich. Der Diplom-Lehrer darf nur bis zur zehnten Klasse unterrichten. Sein DDR-Abschluss sei nicht mit dem von Gymnasiallehrern gleichzustellen, die in Hessen ausgebildet wurden, teilt das Amt für Lehrerbildung im Oktober 2003 Hagers Anwalt mit.

Ihm fehlt die sogenannte „Bewährungsfeststellung“. Wäre Hager drei Jahre länger im Osten geblieben und hätte weiter unterrichtet – sich „bewährt“ – hätte er anschließend als Studienrat anerkannt werden können. Das beschloss die Kultusministerkonferenz im Jahr 1993. Alternativ hätte er Teile seines Studiums nachholen können. „Nach so vielen Jahren im Schuldienst! Das ist lächerlich!“

Der Fall Jürgen Hager ist kein Einzelfall. Allein an seiner Schule gebe es drei Kollegen, denen es genauso erging. Und eine Kollegin, die 1993 in den Westen kam – und die Anerkennung bekam. Hager wusste lange nichts von der Bewährungsfeststellung. Er wäre so oder so geflüchtet, sagt er. „Alles andere wollte ich meinen Kindern nicht zumuten.“

Hager läuft weiter und rennt los

Mit Hilfe einer Bekannten, die in Prag lebt, findet er in der Nacht zum 30. September 1989 die Botschaft. Sie ist umstellt von der tschechischen Miliz. Hager läuft weiter. Das Portal steht gerade offen – eine Ladung Feldbetten für die Flüchtlinge wird geliefert. Er rennt los, vorbei an der Miliz, durch die Tür. Etwa 4000 Menschen sind zu diesem Zeitpunkt schon drin. Jürgen Hager ist einer der wenigen, die durchs Portal in die Botschaft kamen. „Den Zaun zum Garten habe ich nicht gefunden, sonst wäre ich dort rüber.“

Drinnen angekommen, will Hager eigentlich nur schnell die entsprechenden Dokumente unterschreiben und wieder raus. „Wer die Botschaft wieder verließ, konnte innerhalb eines halben Jahres mit der Familie ausreisen“ – ein Angebot, das der Rechtanwalt Wolfgang Heinrich Vogel damals den Botschaftsflüchtlingen unterbreitet hatte. Aber seine Landsleute hielten ihn davon ab. „Die wollten, dass möglichst noch eine Seuche ausbricht, damit das Rote Kreuz eingreift und alle rausholt“, sagt Hager.

Kurz darauf spricht er mit einer Botschaftsangehörigen. „Sie sagte, ich hätte keine Chance, rüberzukommen.“ Hat er doch. Nur wenige Stunden nach diesem Gespräch betritt Hans-Dietrich Genscher, Außenminister der BRD, den Balkon der Botschaft. Bilder, die jeder kennt. Der wohl berühmteste unvollendete Satz der deutschen Geschichte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ Dann bricht Jubel aus. Das „war die bewegendste Stunde meiner politischen Arbeit“, wird Genscher später in einem Interview sagen. Jürgen Hager sagt: „Ich hatte Glück.“ Immer wieder betont er das. „Es war Zufall.“

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Um 2.30 Uhr verlässt er die Botschaft. „Ich habe gesagt, ich gehe erst, solange ich nicht weiß, was mit meiner Familie passiert.“ Schriftlich wird den Flüchtlingen zugesichert, dass ihre Familien nach einem halben Jahr nachkommen werden. Als Hager das Gebäude verlässt, trifft er einen Bekannten, den Mann einer Freundin seiner Frau – noch so ein Zufall. „Ich habe ihm aufgetragen, meiner Frau auszurichten, dass ich schon im Westen bin.“

Auf dem Weg dorthin überfällt ihn kurzzeitig Panik. „In Reichenbach warteten etwa 80 bewaffnete Stasi-Offiziere, da herrschte absolute Ruhe im Zug“, erinnert er sich. Aber die Männer kontrollieren nur die Ausweise der Flüchtlinge. Mehr nicht. Die nächste Erinnerung: „In Plauen hingen aus einem Fenster Bettlaken, auf denen stand ,Wir kommen auch noch!‘“ Hager lacht.

Schon anderthalb Monate später, am 14. November, kommt seine Frau Eva Maria mit den beiden Kindern an. Nach zwei blockierten Ausreiseanträgen hat es die Familie geschafft. Später erfährt das Ehepaar wie viele Stasi-Spitzel auf die beiden angesetzt war: zehn. Darunter einige Freunde. Die Akte umfasst 400 Seiten. Die Hagers haben jede einzelne gelesen. „Das war hart.“

Mittlerweile ist Jürgen Hager in Pension, unterrichtet nur noch als Nebenjob einige Stunden an der Schule. Und fühlt sich auch weiterhin betrogen. Als 2010 seine Altersteilzeit begann, musste er wieder in der ersten Gehaltsstufe anfangen. Dabei war er zu diesem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren in der obersten Stufe. Noch dazu werden ihm seit kurzer Zeit die Ferien nicht mehr bezahlt. Für Hager zu viel. „Das ist Betrug, was die mit uns machen!“ Weil es der Schule an Mathe- und Physiklehrern mangelt, wollte die Leitung ihn noch ein Jahr beschäftigen. Hager, jetzt im 43. Jahr Lehrer, lehnte ab. „Jetzt ist Schluss!“

Er überlegt, am 14. November an den Frankfurter Hauptbahnhof zu fahren, an den Ort, an dem vor 25 Jahren seine Frau und die Kinder ankamen. „Dieses Datum und der 1. Oktober sind für uns die wichtigen Tage.“ Da gebe es auch mal einen guten Wein oder Sekt. Dokumentationen über die Wende anzuschauen, verkraftet er nur teilweise. „Irgendwann muss ich rausgehen.“ Zu mächtig sind die Erinnerungen. „Ich habe erst im Nachhinein realisiert, dass es auch anders hätte ausgehen können.“

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