„Bedarf zu knapp kalkuliert“

Kita-Initiative geht von größerer Nachfrage bei Betreuungsplätzen aus

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Für mehr Betreuungsplätze und Erzieher: Gemeinsam suchen die Aktiven der Kita-Initiative Obertshausen den Austausch mit der Stadt.

Plätze, Gebäude und vor allem Erzieher – die Bemühungen der Stadt, der zuletzt sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach Kita-Plätzen gerecht zu werden, sind alles andere als einfach.

Obertshausen – Vor allem die angesichts klammer Kassen schwierige Finanzierung beim Bau zusätzlicher Einrichtungen und die Suche nach Personal auf dem beinahe leer gefegten Arbeitsmarkt für Erzieher beschäftigen Lokalpolitik und Verwaltung.

Erstere haben mit dem aktuellen Doppelhaushalt umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur und weitere Zuschüsse für die freien Träger beschlossen. Damit soll das vom städtischen Fachbereich Soziales im Herbst vorgestellte Konzept umgesetzt werden, das in den kommenden Jahren den geplanten Bedarf an U3- und Kindergartenplätzen in Obertshausen decken soll. Gemeinsam mit freien Trägern sollen in den kommenden zwei Jahren rund 260 zusätzliche Betreuungsplätze entstehen.

Dass diese ausreichen, bezweifeln allerdings die Mitglieder der Kita-Initiative Obertshausen. Diese haben eigene Berechnungen angestellt und sich daraufhin im Dezember mit einem offenen Brief an die Politik gewandt.

Zwar freuen sich die Eltern über die dringend notwendige Erweiterung, erläutert Sprecherin Ramona Terek, diese werde jedoch nicht ausreichen, da die Stadt bei ihrer Planung von zu geringen Bedarfszahlen ausgehe. „Dort rechnet man mit einer Nachfrage von 55 Prozent im U3-Bereich“, sagt die junge Mutter. Deutlich zu niedrig, findet die Initiative. „Wir gehen aktuell von einer Nachfrage von mindestens 70 Prozent aus, sodass nach dem Ausbau 2022 noch immer über 100 Plätze im U3-Bereich fehlen“, erläutert Ramona Terek. Dabei stützen sich die Eltern auf den 2018 erschienenen und aus Bundesmitteln finanzierten Kinderbetreuungsreport des Deutschen Jugendinstitutes. Denn gerade in den Ballungszentren wie dem Rhein-Main-Gebiet sorgen neben den gesellschaftlichen Veränderungen auch steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten dafür, dass immer mehr Familien auf das Einkommen beider Elternteile angewiesen sind. „Wünschten sich 2012 noch 52 Prozent der hessischen Eltern eine Betreuung für ihre ein- und zweijährigen Kinder, so waren es 2017 bereits 70 Prozent“, schreibt die Elterninitiative – Tendenz steigend. Das würde bedeuten, dass auch die derzeitigen Bemühungen, die Zahl der Plätze zu erhöhen, den zukünftigen Bedarf nicht decken könnten, schildert Ramona Terek die Befürchtung ihrer Mitstreiter in der Initiative.

Gleiches gelte auch bei den Kindergartenplätzen. Mit gravierenden finanziellen Folgen für die Eltern: „Ohne einen Betreuungsplatz sehen die Mütter und Väter der Kündigung entgegen, da eine Verlängerung der Elternzeit über drei Jahre hinaus nicht möglich ist“, schreibt die Gruppe. „Bei den Drei- bis Sechsjährigen fehlen nach unseren Berechnungen aktuell 112 Plätze. Ein Großteil der Kinder, die noch nicht in der Krabbelgruppe einer Kita sind, bekommt erst mit knapp vier Jahren einen Kindergartenplatz in Obertshausen. Diese Problematik wäre unseres Erachtens mit den derzeitigen Ausbauplänen auch in fünf Jahren noch nicht gelöst.“

Ganz so sieht man es seitens der Stadt jedoch nicht. Diese teilt auf Anfrage mit, man habe bei der Ermittlung des geplanten Betreuungsbedarfs von 55 Prozent örtliche Erfahrungswerte aus der Platz-Vergabe im Jahr 2018 als Grundlage genommen. Grundsätzlich handele es sich bei der Bedarfsplanung um einen Mix aus statistischen Daten und eben jenen Erfahrungswerten – „aber letztlich auch um Spekulation“.

Gleichzeitig stellen der geplante Bau von mehreren neuen Einrichtungen und die Suche nach qualifiziertem Personal in den kommenden Jahren eine große Herausforderung dar. „All dies muss nicht nur geplant, sondern auch finanziert werden“, erinnert Fachbereichsleiter Michael Jentzsch. Rund 7,5 Millionen Euro an zusätzlichen Kosten hat die Stadt für die kommenden zwei Jahre angesetzt. Zudem werden 16 neue Stellen geschaffen sowie die Zahl der Ausbildungsplätze deutlich auf 20 duale ab diesem Schuljahr erhöht. Auch weitere Gespräche mit der Initiative seien geplant. Diese hatte die Bildung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit Mitgliedern aus Verwaltung, Politik, Erziehern sowie weiteren Experten angeregt.

VON THOMAS HOLZAMER

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