Verständigung nicht möglich

Maskenpflicht stellt hörbehinderte Menschen vor immense Probleme

Probleme durch die Maske: Für eine Unterhaltung sind Mutter Viktoria Kinkel, Tochter Clara und ihre Oma Claudia Meixner darauf angewiesen, Gesicht und Mund des Gegenüber zu sehen.
+
Probleme durch die Maske: Für eine Unterhaltung sind Mutter Viktoria Kinkel, Tochter Clara und ihre Oma Claudia Meixner darauf angewiesen, Gesicht und Mund des Gegenüber zu sehen.

Für viele ist sie einfach nur unpraktisch, für einige ein echtes Problem. Menschen mit Hörbehinderung haben es mit Maskenpflicht doppelt schwer.

  • Für hörbehinderte Menschen bedeutet die Maskenpflicht besondere Probleme
  • In vielen Fällen mangelt es an Verständnis
  • Besonders für hörbehinderte Kinder ist die Corona-Pandemie ein Problem

Obertshausen – Für viele Zeitgenossen ist der Mund-Nasen-Schutz in der neuen Ära ein notwendiges, aber lästiges Übel. Einkaufen wird in den nächsten Wochen bei sommerlichen Temperaturen sicher kein Vergnügen. Für eine kleine Gruppe von Kunden bedeutet die Maskenpflicht ein zusätzliches Problem: Taube und hörgeschädigte Menschen lesen Äußerungen ihres Gesprächspartners von seinen Lippen ab und kommunizieren über die Mimik. Der Virenschutz blockiert diesen Austausch.

Kein Verständnis wegen Maskenpflicht beim Einkauf

Wie neulich in einem Baumarkt. Die hörbehinderte Viktoria Kinkel (31) besucht mit ihrem Vater Rolf Meixner (71) die Holzabteilung, um ein Regal für die Arbeiterwohlfahrt zu kaufen. Die beiden wollten sich beraten, haben dazu die Maske heruntergeschoben. Der Awo-Helfer beherrscht die Gebärdensprache, da auch seine Eltern gehörlos waren und seine Frau betroffen ist. „Der Verkäufer hat uns fast rausgeschmissen“, berichtet Meixner, „er schrie uns ganz brutal an“. „Gehörlos? Das interessiert uns nicht“, lautete die Ansage. Die Kunden wurden verpflichtet, zwei Einkaufswagen Abstand zueinander zu halten. „Der Chef hat’s nicht anders erlaubt, ich halte mich dran“, so die knappe Erklärung des Verkäufers.

Wegen der Corona-Pandemie leidet auch der Austausch über die Maskenpflicht

Szenenwechsel. „Der Gebärdendolmetscher bittet zur Kasse.“ In manchen Läden kennen sie Meixner und rufen ihn aus, wenn es Schwierigkeiten gibt. Gerade hat ein gehörloses Paar im Discounter die Masken heruntergezogen, um eine Frage zum Preis zu klären. „Hallo, das geht so nicht“, wiesen andere Einkäufer die Beiden zurecht. Der kundige Obertshausener schaffte Klarheit mit schnellen Gesten, Hand- und Fingerzeichen, mit einem überdeutlichen Einsatz von Lippenbewegung und Zunge zu den geflüsterten Worten. „Das Problem besteht auch bei Unfällen, wenn die Polizisten fordern, eine Maske zu tragen“, schildert der Übersetzer.

Auch der Austausch mit anderen Betroffenen leidet aktuell. Sonst tauschen sich die Mitglieder mehrerer Gehörlosen-Vereine über Probleme im Alltag in ihrem Treffpunkt an der Heusenstammer Straße aus. Doch das ist nicht mehr möglich, weil das über mehrere Jahre sanierte Haus derzeit geschlossen bleiben muss. „Kontakte finden fast nur über ein Video-Programm auf dem Handy statt“, zeigt Meixner auf das Gerät seiner Tochter. Sie unterhält sich via Display.

Keine Betreuung trotz systemrelevantem Beruf

„Viele Menschen mit einer Hör-Behinderung haben durch ihre Erkrankung auch Schwierigkeiten, sich in der Schriftsprache auszudrücken“, weiß das kundige Familienoberhaupt. Briefe von manchen Tauben seien schwer verständlich, noch komplizierter sei es für sie, Formulare auszufüllen. Viktoria Kinkel arbeitet in der Familienhilfe, braucht das Geld dringend. Doch sie fand bisher keinen U3-Platz für ihre 16 Monate alte Tochter Stefanie. Papa Alex Weitzel (36) ist ebenfalls hörgeschädigt und in der Kfz-Branche in Bad Homburg tätig. Die ältere Tochter Clara (8) ist gut versorgt, sie besucht den Sommerhof-Park in Frankfurt für Gehörlose und Hörbehinderte, wird morgens abgeholt und kommt gegen 16 Uhr zurück. Aber wohin mit Stefanie?

„Obwohl die Mama in der Awo in einem systemrelevanten Beruf tätig ist, bekommt sie keine Betreuung für ihre Jüngste“, kritisiert Meixner. Der künftige Platz im Awo-Waldkindergarten ist der Kleinen inzwischen sicher, „aber bis dahin verliert sie die Sprachkenntnisse, die sie bis jetzt erworben hat“, fürchtet Opa Rolf. „Jetzt hätte sie die größte Chance zu lernen, sich mit anderen, sprechenden Kindern zu unterhalten.“

Von Michael Prochnow

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare