Ein Bierchen vom Onkel

Mobarak Hossain: Er ist eine Institution am Bahnhof

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Berufung auf neun Quadratmetern: Nahezu 365 Tage im Jahr verbringt Mobarak Hossain in seinem Kiosk. 

„Onkel, noch’n Pils. “ Der „Onkel“ heißt Mobarak Hossain, aber so ruft ihn keiner seiner Stammkunden. Zielsicher geht der Onkel – pardon, Mobarak – auf den Kühlschrank zu und greift nach einer Flasche.

Obertshausen – Er weiß ganz genau, welche Sorte der Mann mit der zerzausten Frisur vor dem Schalter bevorzugt. Als im Dezember 2003 die erste S-Bahn in die Station Obertshausen einfuhr, hatte der Bengale seinen Kiosk bereits geöffnet.

Seitdem blieb der mit neun Quadratmetern wohl kleinste Laden weit und breit kaum einen Tag geschlossen. Schließlich führt Hossain alles, was man beim Supermarkt-Besuch eben vergessen hat. Oder am Sonntagmittag schmerzlich vermisst: Chips, Zigaretten, Milch, Zucker, Ravioli, Linseneintopf, Taschentücher, Damenbinden. Den größten Umsatz aber macht er mit den RMV-Fahrkarten, trotz der mintgrünen Automaten auf dem Areal.

Mobarak Hossain ist einfach schneller als die Kästen, hat für jeden Zielort die Nummer im Kopf. Und er ist viel freundlicher. „Oft funktionieren die Dinger nicht“, begründet er seinen Erfolg, „oder sie geben falsche Fahrscheine aus“. Vor allem ältere Menschen bevorzugen den persönlichen Kontakt, den der Bengale mit einem strahlenden Lächeln herstellt. „Ich kann außerdem Tickets ausstellen, die zu einem bestimmten Datum gelten“, wirbt er weiter.

Weniger ist es inzwischen trotzdem geworden. Hat er früher rund zehn bis 15 000 Euro Umsatz mit den Fahrkarten gemacht, seien es jetzt deutlich weniger. „Schuld ist das 365-Euro-Ticket für Schüler und Auszubildende“, erläutert er. Sicher eine gute Idee, aber es ersetze eben die Wochen- und Monatskarten, die über seine Theke gingen.

Er lächelt und hat schon wieder ein paar Kaugummis mit der kleinen Zange aus der durchsichtigen Plastikdose vor dem vergitterten Fenster gefischt. Einmal Offenbach einfach. Zwei Wasser, eine Cola, eine Limo.

An Kundschaft mangelt es dem eifrigen Geschäftsmann nicht. Die Auswahl an Zeitungen und Zeitschriften dagegen ist kräftig geschrumpft. Früher hielt der Kioskbetreiber zwischen 120 und 130 Blätter bereit, heute sind’s zwischen zehn und 15. Den Rest übernimmt das Internet. Aber selbst das kann den findigen Geschäftsmann nicht beeindrucken.

Bei schönem Wetter gönnt sich der „Onkel“ mal ein paar Minuten mit den Arbeitern, die am Nachmittag mit dem Zug nach Obertshausen zurückkommen. Ärger mit betrunkenen Gästen hat er eigentlich nie. Da passen seine Stammkunden schon auf.

Gerne hätte er ein Dach für den Aufenthalt im Freien montieren lassen. Dann könnten gerade Frauen und Kinder, denen der Anschlussbus vor der Nase weggefahren ist, im Trockenen verweilen. Doch das hätte er alleine bezahlen müssen, berichtet er von verschiedenen Anläufen im Rathaus.

Um 4.30 Uhr ist Mobarak Hossein in dem Rundbau am Einräumen und Vorbereiten. Bis 20.30 Uhr bleibt er dort, im Sommer auch noch länger – und das an sieben Tagen in der Woche. Über Weihnachten wollte er schließen, erzählt er, „aber sie haben mir gesagt, Onkel, wo sollen wir hingehen?“. Also öffnete er für seine Stammbesucher auch an den Feiertagen.

Nur selten verlässt er sein Geschäft, um Waren einzukaufen. Dann führt eine Aushilfe den Kiosk. Über sein Arbeitspensum klagt er dabei nicht, im Gegenteil. „Ich muss immer etwas machen, zu Hause ist es langweilig, und du kriegst einen dicken Bauch.“ Seine Frau arbeitet im Sana-Klinikum, auch seine drei Töchter sind berufstätig. „Also lieber aktiv bleiben.“ In ruhigen Minuten informiert er sich mit seinem Tablet und Zeitungen seiner Heimat. Er ist in einer 200 000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs aufgewachsen, sein Vater war der Bürgermeister über die elf Stadtteile.

„Heute kommst du bei uns nur mit Geld und Waffen in die Politik“, lehnt Mobarak Hossain diese Karriere ab. Er wollte stattdessen in Großbritannien sein begonnenes Zahnarzt-Studium fortsetzen, traf dort aber auf Fremdenhass. Ein befreundeter Lehrer lebte damals bereits in Hausen, 1979 folgte der junge Bengale ihm und holte alsbald seine Frau nach. Der Neu-Hesse arbeitete damals acht Jahre bei Herzing & Schroth, sortierte, verpackte und versandte dann Textilien eines indischen Händlers, war dann drei Jahre bei Arno Arnold in Obertshausen, danach bei der Verpackungsfirma VeGeTo in Mühlheim.

In Bieber übernahm er dann den Kiosk am Bahnübergang. Als der wegen des S-Bahn-Tunnels geschlossen wurde, versprach ihm die Bahn eine andere Verkaufsstelle. Und so öffnete er 2003 schließlich den Kiosk in Obertshausen. Und so bald will der 62-Jährige dort auch nicht in Rente gehen.

VON MICHAEL PROCHNOW

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