Emotionen

Oft kein Platz im Alltag: Trauercafé soll Angehörigen von Verstorbenen einen Raum geben

Der Trauerkreis bemüht sich um die Hinterbliebenen
+
Der Trauerkreis bemüht sich um die Hinterbliebenen

Manche wollen immer wieder erzählen, andere ziehen sich zurück oder fallen in ein metaphorisches Loch. „Sterben und Tod sind immer noch ein Tabu-Thema“, stellt Alexander Rudolph bei seiner Arbeit fast täglich fest. Der Leiter der Hospiz-Arbeit beim Malteser Hilfsdienst (MHD) will mit dem ökumenischen Konzept des Trauercafés die Trauer nicht verdrängen, sondern ihr einen Raum geben.

Obertshausen – Wie beispielsweise im „Living Room“ an der evangelischen Waldkirche in Obertshausen. Dort engagieren sich qualifizierte Ehrenamtliche aus beiden christlichen Konfessionen und gestalten Gesprächsangebote in einem offenen Treffen. „Wer zu uns kommt, soll spüren, hier bin ich verstanden“, lautet der Anspruch der Mitstreiter.

2016 begann die Vorbereitung für das Projekt. Im November 2018 öffnete das „Café“ zum ersten Mal und findet seitdem regen Zuspruch. Rudolph organisiert für die Mitarbeiter die Befähigung für ihren Dienst. „Eine gute Ausbildung ist wichtig“, betont er, Interessierte erhalten in 80 Stunden an fünf Wochenende übers Jahr verteilt eine Basis-Qualifikation. Dazu bieten die Malteser regelmäßige Reflexion und Supervision. „Das Projekt entwickelt sich weiter“, schildert der Sprecher. So starteten sie in der Zeit der Pandemie Spaziergänge. Dabei kommt eine Begleitperson mit einer trauernden ins Gespräch.

Daneben bildete die Initiative einen Vorstand. Markus Buhro vertritt die Ehrenamtlichen, Silvia Mohrmann ist zuständig für Telefonate mit Betroffenen, Rudolf führt das Trauercafé und den Gesprächskreis sowie den ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst des MHD. Dort ist Marion Perner hauptamtlich als Koordinatorin tätig, Pfarrerin Kornelia Kachunga von der evangelischen und Pfarrer Christoph Schneider von der katholischen Kirchengemeinde stehen als Seelsorger bereit.

Wegen des Lockdowns öffnete das „Café“ im vergangenen Sommer nur dreimal. „Es gibt eine klare Struktur der Treffen, jeder soll sich gut aufgehoben fühlen“, unterstreicht der Pfarrer. In einem inhaltlichen Block nutzen die vier oder fünf Trauerbegleiter Geschichten als Impuls und geben Zeit für Einzelgespräche.

Zu den zuletzt 17 Besucher zählen vorwiegend ältere Witwen, doch auch einige Herren sind regelmäßig dabei; ab und zu kommen jüngere. „Alle sind sehr aufgeschlossen“, ist sich der Kreis einig. „In einer Trauerphase sollte man aktiv werden, raus gehen, in Gesellschaft“, lehrt Buhro. Auf Wunsch ruft er oder eine Kollegin etwa sechs Wochen nach der Beerdigung bei Hinterbliebenen an. „Wenn der Alltag eingekehrt ist, bleibt oft kein Platz für die Trauer“, erklärt er.

„Die meisten Leute sind sehr dankbar, freuen sich über die Kontaktaufnahme“, bemerkt Buhro. Ein solches Telefonat dauert von drei Minuten bis zu einer Stunde. Für den Pfarrer sei dies eine Form der Nachsorge. „Die Hürden sind sehr niedrig, man muss nicht von sich aus initiativ werden.“

In der Pandemie sei es immer wieder Thema, wie man Abschied feiern kann. Angehörige in Krankenhaus oder Altenwohnheim dürfen nicht besucht werden, „das verursacht ein schlechtes Gewissen, weil man nicht mehr da sein konnte“, erklärt Pfarrerin Kornelia Kachunga. „Es fehlt eine Umarmung, ein Gespräch.“

Diese Situation laste auch auf einer Mutter, die ihren Sohn mit 21 Jahren verloren habe. „Da ist es lebensnotwendig, wieder zu lachen, sich zu erinnern und zu spüren, ich bin nicht allein.“

Das Trauercafé öffnet jeweils am ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr im Living Room an der Waldkirche. (Von Michael Prochnow)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare