„Schuld war natürlich der Schiri“

Profi-Schiedsrichter Tobias Stieler zu Besuch an seiner alten Schule

DFB-Schiedsrichter Tobias Stieler berichtete aus seinem Alltag im Job des Unparteiischen. 
+
DFB-Schiedsrichter Tobias Stieler berichtete aus seinem Alltag im Job des Unparteiischen. 

Profi-Fußball-Schiedsrichter Tobias Stieler besucht seine alte Schule in Obertshausen. 

Obertshausen - „Was denkt ihr, wie viele Entscheidungen ein Schiedsrichter durchschnittlich pro Spiel treffen muss“, fragt Tobias Stieler in die Runde. Und prompt beginnt unter den Schülern der Sportklassen in der Aula der Hermann-Hesse-Schule (HHS) das wilde Schätzen. Von 30 bis 100 ist alles dabei. „Tatsächlich sind es etwa 220“, erläutert der bekannte Profi-Schiedsrichter. Zwar wohnt er inzwischen in Hamburg, seine Wurzeln liegen jedoch in Obertshausen. Für einen Vortrag hat er seiner alten Schule – an der HHS hat der heute 38-Jährige von 1992 bis 1998 gelernt – gestern einen Besuch abgestattet.  

Seine Fußballkarriere hat der Ex-Obertshausener damals als Torwart bei der SG Rosenhöhe gestartet, pfiff mit 14 Jahren bereits Spiele in der E- und F-Jugend. Als Profi-Schiedsrichter leitete Stieler auch das Eröffnungsspiel der Saison 2017/18 zwischen dem FC Bayern und Bayer Leverkusen, das erste Match der Bundesligageschichte, in dem der Videobeweis zum Einsatz kam. Topfit und hoch konzentriert muss der Unparteiische beim Leiten eines Fußballmatches sein, erfahren die Schüler. „Wir Schiedsrichter laufen pro Spiel im Durchschnitt zehn bis zwölf Kilometer, das ist mehr als so mancher Spieler“, erzählt er.

Obertshausen: Profi-Fußball-Schiedsrichter Tobias Stieler zu Besuch 

Bei aller Anstrengung gelte es jedoch stets, konzentriert zu bleiben. „Es geht immer nur um die richtige Entscheidung“, betont Tobias Stieler. Um diese zu treffen, habe man meist nur Bruchteile einer Sekunde Zeit. „Wenn der Schiri beispielsweise bei einem Foul zu lange überlegt, bekommt er von den Spielern, Zuschauern und Kommentatoren schnell Unsicherheit vorgeworfen“, erläutert er und hat dazu auch einen kurzen Ausschnitt aus einem Spiel mitgebracht, das ein Kollege gepfiffen hat.

Wie schwer eine Szene für den Unparteiischen manchmal zu entscheiden ist, können die Schüler gleich selbst feststellen. Anhand eines weiteren Videos, das der Schiedsrichter mitgebracht hat, der neben der Bundesliga auch für die Fifa bei Länderspielen im Einsatz ist. Die kurze Sequenz zeigt ein Foul an Ex-Bayern-Spieler Arturo Vidal, das Stieler mit einem Elfmeter ahndete. Zu Unrecht, wie die Aufnahme beweist. Die zeigt zudem, wie der Spieler sich unmittelbar nach dem Fallen zum Schiedsrichter dreht, um zu sehen, ob dieser ihm die Schwalbe abgekauft hat. Doch zuvor rätseln auch die Schüler über die Situation. „In diesem Fall lag der Fehler klar bei mir“, gesteht Stieler ein.

Doch sei es den Mannschaften und Fans in der Regel auch egal, wenn der eigene Spieler zuvor einen Fehler machte. „Schuld war natürlich der Schiri.“ Und der wird nicht selten beschimpft oder gar angegriffen – egal, ob im Profifußball, wo es in der Regel um viel Geld geht, oder in den Amateurligen. Ein Thema, das nicht zuletzt wegen seiner Aktualität auch den Profi beschäftigt. „Müssen Sie denn auch geschützt werden?“, will einer der Schüler wissen.

Das komme durchaus vor, bestätigt der Schiedsrichter. „Mich hat nach einem Spiel in Rostock, das die Hansa verloren hat, die Polizei noch 20 Kilometer auf der Autobahn begleitet, um sicherzustellen, dass die Hansa-Fans nicht auf die Idee kommen, mir etwas zu tun.“   Von Thomas Holzamer

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare