Prozess um versuchten Totschlag

Stiche in Schulter und Bauch

Obertshausen - Das meist verwendete Verletzungswerkzeug ist in jedem Haushalt gleich mehrfach verfügbar und für jeden zugänglich: das Küchenmesser. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Betrachtet man die Häufigkeit der ausgeübten Tötungsdelikte mit scharfen Klingen, so müsste das Küchenmesser theoretisch per Waffengesetz verboten werden. Das ist natürlich vollkommen lebensfern.

So bleibt das Tagesgeschäft der Schwurgerichtskammern weiterhin die Auseinandersetzung mit Stichlängen, Blutmengen und der Frage, warum ein Messer zum Besuch der Ex-Frau in der Hosentasche landet und nicht seiner Bestimmung gemäß auf dem Küchenbrett verbleibt.

Der versuchte Totschlag, den derzeit die 11. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt umtreibt, steht dem in nichts nach. Angeklagt ist der 32-jährige Offenbacher Y.. Er soll am 2. Juni 2013 dem Freund seiner getrennt lebenden Ehefrau T. vor deren Wohnung in Obertshausen drei Stiche in Schulter, Oberarm und Bauch zugefügt haben. Da eine solche Attacke immer Schlagadern oder innere Organe verletzen kann, ist sie per se lebensgefährlich. Vorausgegangen war diesem Übergriff ein längerer Streit unter den Eheleuten um die zwei gemeinsamen Kinder und den neuen Lebensgefährten.

Knapp zwei Stunden dauert am ersten Verhandlungstag die Schilderung des Kfz-Lackierers seiner Ehe in allen möglichen Details. Da ist die Rede von der Heirat im Jahr 2005, der Geburt der Kinder 2006 und 2008. Und dass im Sommer 2012 noch alles in bester Ordnung war. „Du bist der beste Mann der Welt“ soll T. da noch zu ihm gesagt haben.

Angeklagter ringt mit den Tränen

Trotzdem offenbart ihm die Frau einige Wochen später die Trennung, Anfang 2013 zieht Y. aus. Er ringt mit den Tränen: „Ich habe meine Familie über alles geliebt!“ Aber es kommt noch dicker: Kurz nach seinem Auszug liegt schon ein neuer Mann in seinem Bett, der, laut den Kindern, auch noch seine liegen gelassenen Hosen und Shirts trägt. Wöchentlich sieht er die beiden Söhne, bei den Absprachen kommt es immer wieder zum Streit mit der Ehefrau. So auch am Tattat. Y. ist zum Grillen eingeladen, er will deshalb die Kinder früher abgeben. Das passt T. gar nicht. Es kommt zu einem wüsten SMS-Verkehr, der mit Drohungen seitens des „Neuen“ endet: „L. schrieb mir: ‘ Ich ertränke dich in deinem eigenen Blut! Lass meine T. in Ruhe!’ “ so der Angeklagte.

Doch L. zeigt sich auch gesprächsbereit. Um 21.30 Uhr fährt Y deshalb nach Obertshausen. Er hupt, die Ehefrau und L. kommen auf die Straße. Ohne Diskussion schlägt L. auf Y. ein. „Daraufhin habe ich das Messer raus geholt, aber eigentlich wollte ich zurück schlagen!“, endet die Aussage des Offenbachers. Auf die zwangsläufig folgenden, weil strafrelevanten Fragen des Vorsitzenden Richters Philipp Müller weiß Y. keine überzeugende Antwort.

Prozess wird fortgesetzt

Das Messer sei noch wegen des Grillabends im Auto gewesen. Müller: „Wenn ich zum Grillen eingeladen werden, nehme ich doch nicht mein eigenes Besteck mit. Und wenn ich jemanden schlagen will, ziehe ich kein Messer aus der Tasche!“.

„Es passierte alles so schnell. Ich war gar nicht bei mir.“ windet sich der junge Mann. Von einem ausgeführten Stich steigert er sich nach einem Gespräch mit seinem Verteidiger immerhin auf zwei Stiche. An den dritten können er sich aber beim besten Willen nicht erinnern. Statt dessen versucht er jetzt eine halbherzige Notwehr-Nummer, die bei seiner polizeilichen Vernehmung noch nicht protokolliert wurde: „L. hatte in der rechten Hand ein Klappmesser!“

Y. selbst und die eingreifende T. bleiben bis auf kleine Schnitte an der Hand unverletzt. L. muss im Krankenhaus operiert werden und tritt im Verfahren als Nebenkläger auf. Der Prozess wird fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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