Interview 

Roger Winter verabschiedet sich: „Bürgermeister ist halt kein Lehrberuf“

Sechs Jahre lang hat Roger Winter als Rathauschef die Geschicke der Verwaltung geleitet. 
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Sechs Jahre lang hat Roger Winter als Rathauschef die Geschicke der Verwaltung geleitet.

Nach sechs Jahren räumt Obertshausens Bürgermeister Roger Winter das Rathaus. Im Interview blickt er zurück auf eine bewegte Amtszeit. 

Obertshausen – Es war schon eine kleine Sensation in Obertshausen an jenem Abend des 9. März 2014: Angetreten als unabhängiger Kandidat wird Roger Winter Bürgermeister. Nach sechs Jahren im Amt gibt Obertshausens erster Rathauschef mit grünem Parteibuch seinen Stuhl nun weiter. Im Interview spricht er über seine Amtszeit, die noch vor der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 begann und im Zeichen der Corona-Pandemie endet.

Herr Winter, sechs Jahre waren Sie Bürgermeister ihrer Heimatstadt. Mit welchem Gefühl verabschieden Sie sich nun von ihrem Amt?

Mit einem guten. Nicht jeder hat schließlich die Chance, sein Hobby zum Beruf zu machen. Es war eine tolle Zeit und wenn man den Reden bei meiner Verabschiedung glauben darf, gab es auch viel Lob. Ich bin jedenfalls mit mir zufrieden.

Haben Sie alles erreicht, was Sie sich vorgenommen hatten?

Nicht alles, aber das ist, denke ich, auch nicht zu schaffen. Mit einem gewissen Anteil Unfertigkeit muss man leben. Natürlich wäre es schön gewesen, beispielsweise das Familienzentrum, das uns nun schon viele Jahre begleitet hat, auch noch einweihen zu können. Aber ich bin ja auch nicht angetreten, um mir ein Denkmal zu bauen. Und wir haben viel erreicht worauf wir stolz sein können.

Was freut Sie besonders?

Dass wir das Gelände der Fröbelschule nun entwickeln können, da sind wir auf dem richtigen Weg. Super war auch das Jubiläumsfest im vergangenen Jahr. Ich hätte nicht gedacht, dass die Bürger das so prima annehmen. Und auch die Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung und dem Vereinsring war hervorragend. Und dann wäre da noch der Beethovenpark als sichtbares Zeichen. Da haben wir viel diskutiert.

Mit Erfolg?

Ja, ich finde, das Ergebnis ist uns sehr gut gelungen. Und er wird von den Einwohnern gut angenommen. Das ist am Ende des Tages das Wichtigste beim Städtebau.

In ihrer Zeit als Rathauschef hatten Sie mit der Flüchtlingskrise zu Beginn 2015 und der Corona-Pandemie gleich zwei schwierige Situationen, auf die Sie reagieren mussten. Wie geht man mit so etwas um?

Ich denke, wir haben beides sehr gut gemeistert. Das sind Sachen, auf die kann Sie keiner vorbereiten. Bürgermeister ist halt kein Lehrberuf.

Stichwort Lehre. Wo mussten Sie in den vergangenen Jahren Lehrgeld zahlen?

Sie müssen und sollen immer Vorbild sein, wenn Sie zur Tür hinaus gehen. Und man sollte sich bewusst sein, ob und wann ein Gespräch vertraulich ist. Lehrgeld zahlt man aber vor allem, wenn man Fässer ansticht. Da gab es mal eines ...

Das war geschüttelt?

Ich vermute es zumindest ... (lacht)

Als unabhängiger Kandidat hat man es nicht immer einfach. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den Fraktionen in der Stadtverordnetenversammlung empfunden.

Die war im Großen und Ganze sehr gut. Natürlich ist man immer mal unterschiedlicher Meinung. Ich war auch immer gerne mein eigenes Navi, aber ganz kriegen Sie ein Parteibuch natürlich nie weg. Aber letztlich ist das auch egal, den zuerst einmal ist man Chef von rund 350 Menschen mit Aufgaben, die man sich nicht selbst gewählt hat.

Hat denn die Wahl als unabhängiger Kandidat auch Vorteile? Ihr Nachfolger Manuel Friedrich wird sich seine Mehrheiten im Parlament ja ebenfalls suchen müssen.

Die hat sie. Und es macht die Politik auch interessanter.

Inwiefern?

Man muss sich schon fragen, warum es bei rund 420 Kommunen aktuell etwa 120 unabhängige Bürgermeister gibt. Ich glaube, das wünschen sich auch immer mehr Wähler. Sie verbinden damit die Hoffnung nach weniger Parteigeklüngel und mehr gemeinsamen Lösungen.

Welches Bündnis könnten Sie sich für Obertshausen für die Zukunft am besten vorstellen?

Ein Bündnis der Vernunft wäre am besten (schmunzelt).

Dem Sie sich künftig vielleicht auch wieder als Stadtverordneter anschließen könnten?

Nein, aktiv nicht mehr, das fände ich auch komisch. Aber ich werde sicher die ein oder andere Sitzung als Zuschauer verfolgen, das hat auch seine Vorteile. Als Bürgermeister musste ich schon auf die Tagesordnung achten, wenn ich zwischendrin mal auf die Toilette musste. Je nachdem, wer da gerade spricht, muss man auch auf die Befindlichkeiten achten. Denn was für die Mitarbeiter der Verwaltung das Ende eines langen Arbeitstages ist, ist für den ein oder anderen der Höhepunkt des Tages. Aber das gehört dazu, eine gewisse Eitelkeit braucht es in der Lokalpolitik.

Das gilt auch für Sie?

Natürlich, wenn ich die Rampe nicht mögen würde, wäre ich es auch nicht geworden. Eine Rampensau muss man schon sein. Es ist aber genauso wichtig, als Bürgermeister auch mal demütig in der dritten Reihe stehen zu können.

Was werden Sie künftig am meisten vermissen?

Da sehe ich durchaus zwiespältig. Auf der einen Seite werden mir wahrscheinlich die täglich neuen Herausforderungen fehlen. Das war für mich, der eher ein Generalist ist, auch gut. Auf der anderen Seite habe ich künftig mehr Zeit, mich mit einzelnen Dingen länger zu beschäftigen. Das kam bei der Vielzahl der Dinge manchmal ein wenig zu kurz.

Welchen Tipp haben Sie da für Ihren Nachfolger Manuel Friedrich?

Er sollte immer sein eigenes Navigationssystem sein und auch Freunde und die Familie nicht vergessen. Beide stärken, das darf man nicht vergessen. Den Job könnten Sie nämlich leicht auch 24 Stunden machen.

Welche Herausforderungen wird die Stadt in den kommenden Jahren zu bewältigen haben?

Vor allem die Digitalisierung und natürlich das Thema Stadtentwicklung. Sicher gibt es den Wunsch nach mehr Verdichtung, aber man muss sich auch die Frage stellen, wie viele Einwohner eine Stadt mit einer solch kleinen Fläche gut vertragen kann. Das drängendste Thema sind jedoch die Finanzen, denn ohne Geld bewegt man nichts. Da sind auch Bund und Land stärker gefragt.

Stichwort Konnexitätsprinzip, wer bestellt, muss auch die Rechnung bezahlen?

Ja, nehmen wir einmal die Vollkosten für einen Kitaplatz. Natürlich gibt es da eine Förderung. Aber am Ende des Tages, werden Sie sehen, dass diese bei weitem nicht ausreicht.

Was wünschen Sie sich für Obertshausen?

So eine Stadt wie unsere lebt mit ihren 25 000 Einwohnern. Es ist schön, wenn viele sich beteiligen und ihren Teil dazu tun. Nur der Bürgermeister und die Verwaltung bekommen das sicher nicht hin. Das sehen wir beispielsweise beim Thema Müll und nicht nur in Obertshausen, sondern auch in den Nachbarkommunen.

Das Thema ist ja auch regelmäßig in den Sozialen Netzwerken zu lesen, teils verbunden mit wenig schmeichelnden Kommentaren gegenüber dem Rathauschef und der Verwaltung.

Das stimmt. Da wird vieles mal schnell geschrieben, das man in einem persönlichen Gespräch nie sagen würde. Da muss man als Bürgermeister auch lernen, vieles an sich abprallen zu lassen. Aber manches verletzt schon, man ist ja auch nicht teflonbeschichtet – zum Glück.

Und es verändert auch die Politik.

Ja, und nicht immer unbedingt zum Guten. Der Austausch und Kontakt zu den Bürgern ist wichtig, aber auch schwierig, wenn sich die politische Diskussion aus der Stadtverordnetenversammlung immer mehr ins Netz verlagert. Und ich denke, es braucht unverändert den persönlichen Kontakt.

Den werden Sie zu vielen Weggefährten sicher auch in den kommenden Jahren halten. Auf was freuen sie sich denn an ihrem ersten freien Tag am meisten.

Ach, ich glaube, das wird im Grunde ein Morgen wie jeder andere. Aufstehen, bei einer Tasse Kaffee meine Offenbach-Post lesen. Diesmal allerdings ganz in Ruhe und statt im dienstlichen Kontext nur als Beobachter.

Das Interview führte Thomas Holzamer.

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