„Bücherei wird zum dritten Ort“

Stadtbüchereien erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit

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Auch Obertshausens Rathauschef Roger Winter zieht es gerne in die Stadtbibliotheken von Heide Ottenroth (Mitte) und Christina Hellemann.

Simon Beckett steht bei erwachsenen Lesern derzeit hoch im Kurs, weiß Christina Hellemann, Leiterin der Stadtbücherei Obertshausen, zu berichten.

Obertshausen – Sein Buch „Die ewigen Toten“, ist aktuell das meistgeliehene unter den Romanen, wobei diese Angabe sich wie die diversen Bestsellerlisten regelmäßig ändert.

Ganz anders sieht es da schon beim Nachwuchs aus. „Ich war gerade gestern bei einer Tagung der hessischen Büchereileiter“, sagt sie. Dort habe eine Kollegin berichtet, dass etwa bei den Jungen die Reihe „Gregs Tagebuch“ seit mehr als fünf Jahren ungeschlagen die Liste der beliebtesten Bücher anführe. „Einige Kollegen haben schon fast genervt mit den Augen gerollt“, erinnert sie sich und lacht. Ähnlich sehe es bei den Mädchen aus: „Mein Lotta-Leben“ heißt deren heißer Favorit. Auch die Conni-Bücher seien ein Dauerbrenner „Da haben wir inzwischen sogar die ersten Mütter, die die Geschichten schon als Kind selbst gelesen haben“, ergänzt Hellemanns Kollegin Heide Ottenroth, die die Stadtbücherei in Hausen leitet. „Generell merken wir auch nicht, dass die Kinder weniger lesen als früher“, sagt sie.

Zusammen verzeichneten die beiden Buchtempel an der Kirch- und Tempelhofer Straße im vergangenen Jahr zahlreiche Neuzugänge bei den Anmeldungen. Auch wenn die sonst durchweg guten Ausleihezahlen 2019 leicht gesunken sind. „Das lag vor allem am heißen Sommer“, erläutert Heide Ottenroth. Da habe es viele angesichts der Temperaturen eher ins Schwimmbad als in die Bibliothek gezogen. Dazu kamen jene zwei Wochen im November, in denen die Bücherei wegen der Einrichtung eines neuen Computersystems geschlossen hatte. „Das alte war nicht mehr aktuelle und wurde inzwischen nur noch aus Australien gewartet“, erläutert Christina Hellemann.

Die neue Software der Bücherei, die neben dem Rechner zu Hause nun auch über die App „B24“ genutzt werden kann, biete den Nutzern gleich mehrere neue Vorteile. So können sich Letztere künftig per Mail an die anstehende Rückgabe ihrer geliehenen Bücher erinnern lassen. Ebenfalls automatisch per Mail werden ab sofort jene benachrichtigt, die sich online für ein gewünschtes Buch vormerken lassen. „Das erleichtert auch uns die Arbeit, wir haben bisher immer angerufen“, freut sich Hellemann. Generell erfreue sich die Ausleihe auf elektronischem Wege stetig wachsenden Zuspruchs, wissen die Büchereileiterinnen zu berichten.

Das tut den Besucherzahlen der beiden städtischen Einrichtungen jedoch keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. „Der Trend geht momentan zur Bücherei als drittem Ort“, erläutert Christina Hellemann. Der Begriff aus der Soziologie beschreibt Orte zwischen dem eigenen Zuhause und der Arbeitsstätte. Man fühlt sich dort wohl, schaut gerne vorbei, kann bleiben und wieder gehen, Menschen treffen oder für sich bleiben.

Im Fall der beiden Obertshausener Bibliotheken sind die Besucher bunt gemischt: von Studenten, die zum Lernen kommen, Geflüchteten, die sich dort mit ihren Paten treffen, um ihre Sprachkenntnisse zu trainieren, bis hin zu Menschen, die ein ruhiges Plätzchen zum Lesen suchen. „Auch unser öffentliches WLAN wird gerne genutzt“, berichtet Hellemann. Wobei am büchereieigenen Computer weniger der Internetzugang als vor allem die Office-Programme gefragt seien. „Wir haben viele Schüler, die beispielsweise herkommen, um eine Powerpoint-Präsentation zu erstellen“, erläutert Heide Ottenroth. Und so komme es nicht selten vor, dass alle Sitzplätze besetzt seien, vom gemütlichen Sofa in der Ecke bis zum Arbeitsplatz. Das freut auch Obertshausens Rathauschef Roger Winter: „Online ist gut, aber gerade wir als Stadt müssen auch Raum für Begegnungen schaffen.“

Großer Beliebtheit erfreuen sich neben Büchern und Filmen vor allem die rund 80 Tonie-Figuren, die im vergangenen Jahr mit allein 800 Ausleihen nahezu vollständig verliehen waren. Die Figuren enthalten Hörspiele oder kindgerechte Musik, die automatisch abgespielt wird, wenn die Figur auf die sogenannte „Toniebox“ gestellt wird. „Das können die Kinder schon mit eineinhalb, zwei Jahren“, sagt Hellemann.

VON THOMAS HOLZAMER

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