Wirtschaft

Umbrüche in der Branche: Der Autozulieferer Feintool investiert und kommt bisher gut durch die Krise

Winfried Blümel und Standortleiter André Gansen im hochautomatisierten neuen Lager.
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Winfried Blümel und Standortleiter André Gansen im hochautomatisierten neuen Lager.

Eine riesige betonierte Grube klafft im Boden der Produktionshalle des Automobilzulieferers Feintool. Sieben Meter tief. Hier soll die neue Stufenpresse in den kommenden Wochen aufgestellt werden, die zum Umformen von Metall benötigt wird. Sogar die Hallendecke musste eigens für diesen Koloss erhöht werden. Insgesamt 35 Millionen Euro investiert Feintool in den Obertshausener Standort.

Obertshausen – „So was erleben wir hier auch nur einmal im Arbeitsleben“, sagt André Gansen, Leiter des Standorts. Trotz Corona sei alles im Zeitplan, die ersten Schwertransporte zur Lieferung der Maschinenteile werden in der kommenden Woche erwartet. Eine neue Lagerhalle im hinteren Teil des Geländes an der Ringstraße wurde bereits kürzlich fertiggestellt. Dort sind nun 3000 Stellplätze für Waren. Doch in der Halle sind bis auf ein paar Techniker keine Mitarbeiter zu sehen. „Es ist zu 100 Prozent digital“, sagt Gansen. Computergesteuerte Gabelstapler ziehen in den Gängen ihre Bahnen und sorgen für eine hocheffiziente Lagerung. Gansen: „Das System weiß nicht nur, wo alles steht, sondern weiß auch genau, wann etwas eingelagert wurde und berücksichtigt das bei der Arbeit.“

Grund für die hohe Investition ist unter anderem der Strukturwandel in der Automobilbranche. Denn Feintool will zukünftig mehr Präzisionsteile für Hybridmotoren herstellen. Neben Getriebe- und Motorenteile für Verbrenner werden auch viele andere Umformteile für Fahrzeuge von der Firma gefertigt. So zum Beispiel die Schnallen an Sicherheitsgurten oder Räder zum Einstellen der Sitzposition. Das sei auch einer der Gründe, warum sich Feintool besser an den Wandel zur Elektromobilität anpassen könne als viele andere Automobilzulieferer, die sich teilweise auf gewisse Einzelteile spezialisiert haben. „Wir sind breit aufgestellt und produzieren auch Bauteile, die in Elektroautos benutzt werden“, erläutert Geschäftsführer Winfried Blümel. Denn in einem Elektroauto werden wesentlich weniger Teile verbaut als in einem üblichen Verbrenner. Was für den Kunden eine gute Sache ist, weil es deutlich weniger Verschleißteile gibt, kann für viele Betrieben das Aus bedeuten. Branchenkenner gehen von bis zu 50 Prozent weniger benötigten Mitarbeitern aus.

Branche wurde von der Pandemie hart getroffen

Laut Studien wird sich der Marktanteil von Hybridantrieben bis 2030 auf gut 35 Prozent erhöhen. Die reinen Elektroantriebe werden zwar ebenfalls in den kommenden Jahren deutlich zulegen. Doch die Anzahl verkaufter Hybride und Verbrenner wird sich insgesamt nicht verringern, da laut Prognosen auch die Zahl der verkauften Autos steigen wird.

Neben dem generellen Wandel hin zu mehr Elektroantriebe hat auch die Corona-Pandemie die Branche hart getroffen. Viele Autohersteller mussten teils große Verkaufseinbrüche ihrer Modelle verkraften.

Stolz bei Blümel über den Schutz der Mitarbeitergesundheit

„Das trifft dann auch letztlich uns“, sagt Blümel, „von April bis Mai mussten wir Umsatzeinbußen von gut 80 Prozent verkraften.“ Doch die Branche konnte sich schnell wieder erholen und damit auch Feintool. Im September vergangenen Jahres konnte das Unternehmen fast wieder die Zahlen der Vor-Corona-Zeit erreichen. „Letztlich sind wir dem Trend des Marktes gefolgt, haben uns schnell auf die jeweilige Situation eingestellt.“

Allerdings sei man durchaus ein bisschen stolz, wie man bei Feintool die Pandemie im Hinblick auf die Gesundheit der Mitarbeiter gemeistert habe. Denn im Werk in Obertshausen sind über Zweidrittel der 360 Mitarbeiter in der Produktion tätig, können also nicht einfach auf Home-Office ausweichen. In Obertshausen habe es bisher keinen einzigen Fall gegeben, bei denen sich ein Mitarbeiter auf dem Gelände nachweislich mit dem Corona-Virus infiziert habe, so Standortleiter Ganser. Auch bei allen 2600 Mitarbeitern im gesamten Unternehmen gab es bisher nur wenige Einzelfälle. „Wir haben viel geändert, so haben wir beispielsweise die Pausenzeiten verschoben, damit die Mitarbeiter möglichst wenig Kontakt untereinander haben“, so Gansen zum Konzept in Obertshausen. (Von Lukas Reus)

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