Marmelade für zwei Pfennig

Zeitreise in die Heimat: Als sich die Mühlräder noch drehten

Die Kirche St. Josef bestimmte früher das Bild von Hausen, wie diese Aufnahme aus dem Jahr 1910 eindrucksvoll belegt. Heute liegt das Gotteshaus nicht mehr am Ortsrand, sondern mittendrin. FotoS (3): P

Die beiden Mühlen in Hausen, die der Gemeinde einst den Beinamen „Zweimühlenort“ einbrachten, sind längst Geschichte und aus dem Stadtbild verschwunden.

Obertshausen – Besonders wertvoll sind für die Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins Obertshausen die Berichte von Zeitzeugen, die auch heute einen Einblick in das Leben vergangener Tage ermöglichen. Einige sind in der Chronik der Stadt Obertshausen, die der Verein im Jahr 2018 herausgegeben hat, veröffentlicht. Ein besonders ausführlicher ist am 25. Juni 1969 in der Ausgabe der Gemeinde-Post Hausen anlässlich der 900-Jahr-Feier des Ortes erschienen. In ihm kommen Einwohnerinnen und Einwohner aus Hausen zu Wort, die die Anfänge des 20. Jahrhunderts im damaligen Zweimühlenort miterlebt haben. Im vierten Teil unserer Serie lässt unsere Zeitung jene Zeugen berichten.

Der zum Zeitpunkt des Interviews 91-jährige Sebastian Picard aus der Friedrich-Ebert-Straße 26 fasst seine Biografie zusammen: „Mein Vater war Schmiedemeister für Hausen und Lämmerspiel. Die Schmiede stand an der Rodau links von der Steinheimer Straße. Als ich noch klein war, gab es nur die Lämmerspieler-, die Steinheimer-, die Herrn- und die Erzbergerstraße (heute Kapellenstraße). Am heutigen Marktplatz war der Ort zu Ende. Ein Feldweg ging bis zum „Neuen Wirtshaus“ hinaus. Als Bub bin ich oft von meinem Vater in den Turm des Kapellchens geschickt worden, weil der Klöppel von der Glocke abgegangen war.

Nach der Schulentlassung wurde ich Portefeuiller. Unser Vater hat schon weitergeblickt: Er hat keinen von uns Schmied lernen lassen. In schlechten Jahren haben die Bauern sehr wenig Geld eingenommen. Die Leute mussten sich damals alle einschränken, auch beim Essen. Wir hatten uns mit der Armut abgefunden und waren dabei eigentlich zufrieden. Wir hatten nur ein paar hundert Einwohner, aber drei Gesangvereine mit etwa je 70 Sängern. Von der Sängerlust bin ich heute der älteste Sänger, von der Turngesellschaft der einzige noch lebende Gründer. Das Haus, in dem ich jetzt wohne, habe ich 1907 gebaut. Wir haben erst beim Schein der Petroleumlampe gearbeitet. 1907 kam dann das Gas. Als dann der Erste Weltkrieg kam, wurden viele Heimarbeiter entlassen. Trotz der schweren Zeiten hat mich die Offenbacher Firma Johannes Ohlig behalten. 1936 kam sie dann zu uns ins Haus. Erst mit 76 Jahren habe ich aufgehört zu arbeiten.“

Servatius Vetter, war Hausens „Ausscheller“. © p

An die Eröffnung der Bahnstrecke und das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert sich die 87-jährige Franziska Komo aus Obertshausen. „Die Geburtstage ihrer sieben Enkel und 14 Urenkel weiß sie alle auswendig“, heißt es im Text aus der Gemeinde-Post über die Seniorin. Sie erzählt: „1905 habe ich nach Hausen geheiratet. Zuerst wohnten wir bei Fisch-Messer in der Seligenstädter Straße. Alle meine Brüder und mein Mann mussten früher nach Offenbach laufen. Dann fuhr zum ersten Mal die Eisenbahn. 1911 haben wir das Haus Seligenstädter Straße 24 gebaut. Etwas Landwirtschaft mit zwei Kühen und einem Pferd hatten wir auch. Hinter dem Haus lagen ein großer Acker und eine Wiese mit Blumen. Schlimm war es, wenn es Gewitter gegeben hatte. Dann lief das Wasser die Karlstraße hinunter, und in der Herrnstraße war alles überschwemmt. Als 1945 die Amerikaner nach Hausen kamen, saßen wir im Keller. An der Tannenmühle waren Schüsse gefallen. Erst spät trauten wir uns vors Tor.“

Die Kurt-Schumacher-Straße im Stadtteil Hausen, wie sie 1960 aussah. © p

Als Letzter kommt der damals 86 Jahre alte Servatius Vetter in der Gemeinde-Post zu Wort. Er arbeitete nach 1945 als Ortsdiener und war als „Mann mit der Schelle“ quasi das „amtliche Verkündigungsorgan der Gemeinde“. Ab 1951 wurde eine Ortsfunkanlage eingerichtet, Neues wurde per Lautsprecher ausgerufen. 1967 wurde diese dann durch die Gemeinde-Post abgelöst. Servatius Vetter erinnert sich an seine Schulzeit: „Wenn wir morgens zur Schule gingen, legten wir erst einmal unsere Schulbrote im Krämerladen neben dem Schützenhof (in der heutigen Kapellenstraße) auf den Tisch und ließen uns für zwei Pfennig Marmelade draufschmieren. Nachmittags mussten wir nach den Hausaufgaben noch bei der Feldarbeit helfen. Zum Glück gab es im Sommer oft hitzefrei.“ Der gelernte Portefeuiller hatte darüber hinaus noch weitere Aufgaben: „Von 1922 bis 1950 war ich auch Kirchendiener. Und als Fleischbeschauer hatte ich viel zu tun, weil viele Bauern Hausschlachtungen vornahmen. Dazu kamen die Metzger Mack, Komo, Wilhelm Hofmann, Grimm sowie die Wirtschaften ,Zur Krone’ und das ,Treppchen’.“  

clb

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