Verwalter und Spediteur angeschossen

Zwangsräumung der Wohnung - plötzlich zieht der Mieter eine Waffe und schießt

Ein 68-Jähriger aus Obertshausen steht wegen versuchten Mordes vor Gericht. Er soll auf zwei Männer geschossen haben.
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Ein 68-Jähriger aus Obertshausen steht wegen versuchten Mordes vor Gericht. Er soll auf zwei Männer geschossen haben.

Weil der Mann aus Obertshausen aus seiner Wohnung ausziehen soll, schießt er auf einen Spediteur und den Hausverwalter. Nun steht er vor Gericht.

Obertshausen – Es begann als ganz normaler Arbeitstag für das Zwangsräumungsteam in einem Wohngebiet in Obertshausen. Was dann am Morgen des 14. Februars 2020 geschah, hatte so keiner der sechs Beteiligten in seinem Arbeitsleben zuvor erlebt. Der 68-jährige Mieter zog im Hauseingang eine Pistole und eröffnete das Feuer. Ein Speditionsmitarbeiter und der Hausverwalter wurden dabei schwer verletzt. Jetzt steht der Mann wegen versuchten Mordes und unerlaubten Waffenbesitzes vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt.

Am ersten Verhandlungstag kamen der Angeklagte selbst und die zwei Geschädigten zu Wort. Der Rentner gibt zwar zu, zweimal geschossen zu haben, sei aber danach von einem Blackout übermannt worden. „Ich hab mir nie etwas zu Schulden kommen lassen, ich bin doch kein schießwütiger Idiot“, betont er mehrmals.

Die Pistole lag schon am Vorabend bereit - Mann jetzt vor Gericht

Er habe am Abend zuvor mit dem Nachbarn im Hochparterre drei Flaschen Wodka geleert und bei ihm übernachtet. Die Pistole lag schon bereit, als morgens der Gerichtsvollzieher klingelte. „Ich bin vor die Wohnungstür und habe gerufen: ‘Schert euch zum Teufel! Kommt nächste Woche wieder! Oder besser nächsten Monat!’ Dann hab ich zweimal zur Warnung nach unten geschossen.“ Danach sei er umgekippt, habe nur noch Sterne und Kreise gesehen.

Das habe er schon dreimal erlebt, wenn er Alkohol getrunken und nichts gegessen habe. Der Vorsitzende Richter Volker Wagner ist wenig beeindruckt: „Von einem Blackout hört man häufig in Sitzungssälen.“ Und fügt an: „Sechs mal haben Sie geschossen!“ Für den Angeklagten scheinbar unbegreiflich: „Mein Unterbewusstsein vielleicht. Den ersten Knall hab ich noch gehört. Danach nix mehr ... Ich wollte es nur spektakulär aussehen lassen. Damit die Medien darüber berichten.“

Spediteur kämpft noch heute mit den Folgen der Tat

Für die beiden Nebenkläger muss das wie ein schlechter Scherz klingen. Der 26-jährige Speditionsmitarbeiter aus Mühlheim kämpft noch heute mit den Folgen der Tat, bei seiner Aussage kommen ihm die Tränen. „Die Waffe war durchgeladen. Mit ausgestrecktem Arm hat er auf uns gezielt. Wir sind zu dritt aus der Haustür raus, ich war der Letzte.“ Ein Projektil bleibt in der linken Hüfte stecken, ein anderes durchschlägt den linken Unterarm. Während weitere Schüsse fallen, flüchtet der junge Mann so gut es geht ins Gebüsch, dann in den Hof. Dort bricht er zusammen. „Ich war eine Woche im Krankenhaus. Meine Hand ist heute noch teilweise taub. Ich bin immer noch in Psychotherapie.“

Der 53-jährige Gläubigervertreter aus Hanau war erst seit kurzem Hausverwalter für die Liegenschaft: „Der Rentner sagte: ‘Sie räumen heute nicht!’ Dann ging es Knall auf Fall. Ich hörte drei Schüsse, es brennt in meinem Bauch, wir rennen raus hinter den Möbelwagen. Dort hat der Gerichtsvollzieher den Notruf abgesetzt. Und ich hab gesehen, dass mein Hemd voller Blut war.“ Weitere Schüsse fielen. Ein anderer Speditionsmitarbeiter, der sich bereits in der Wohnung aufhielt, sei vom Balkon aufs Dach geflüchtet. Auch der Hanauer lag eine Woche im Krankenhaus. Der Steckschuss war am Beckenkamm hängen geblieben, hatte keine Organe verletzt. Er leidet heute noch unter Albträumen und Schlafstörungen.

Nach Mieterhöhung nimmt Rentner Kontakt zur Kreisverwaltung auf

Fehlt noch die Vorgeschichte. Die klingt etwas kurios, so wie der Angeklagte sie erzählt, könnte aber so ähnlich der Wahrheit entsprechen. Nach einer Mieterhöhung Ende 2018 nimmt der Rentner Kontakt mit der Kreisverwaltung auf, die wegen seiner geringen Rente für die Grundsicherung und Wohnungsmiete zuständig ist.

Der Kreismitarbeiter will das mit der Hausverwaltung klären. Eine Woche später meldet er sich wieder: Er habe mit der Verwaltung gesprochen, der 68-Jährige solle auf keinen Fall zahlen, sonst würde ihm das Amt die Bezüge kürzen. Danach ist der Kreismitarbeiter nicht mehr erreichbar. Im August 2019 wird dem Ankgeklagten das Konto gepfändet, kurz darauf von der Bank gekündigt. Einen Monat später kommt ein Schreiben vom Amtsgericht: Er soll Anfang 2020 ausziehen.

Zeitung interessiert sich nicht für sein Problem

„Da hab ich mich wieder an die Pistole erinnert, die ich noch hatte. Damit wollte ich mir Gehör verschaffen, was alles passiert ist.“ Zuerst habe er es bei einer Boulevard-Zeitung probiert, die habe ihm schon früher geholfen – etwa 1971. Da war er aus der DDR abgehauen. Diesmal interessierte man sich aber wohl nicht für ihn. Bis Jahresende sind weitere Prozesstermine geplant. (Von Silke Gelhausen)

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