Pärchen erzählt eigene Version der Tat

Überfall: Zwischen Prügelei und Messerstichen

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Das Pärchen soll den Nebenkläger mit einem Messer überfallen haben.

Obertshausen - Wegen besonders schwerem Raub muss sich derzeit ein junges Pärchen vor der 15. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt verantworten. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Die beiden Obertshausener sollen am 31. Oktober 2017 einen 30-jährigen Bekannten in die Offenbacher Ahornstraße gelockt und dort mit einem Messer überfallen haben. Neben dem Verlust von Handy und Hausschlüsseln soll das Opfer zahlreiche Verletzungen im Gesicht davon getragen haben.

„Ich möchte heute unbedingt die Wahrheit ans Licht bringen“, erklärt der 26-jährige Milan L. dem Vorsitzenden Richter Daniel Kästing. „Es war alles ganz anders, als es in der Anklageschrift steht.“ Das, was von der Staatsanwaltschaft verlesen wurde, basiert auf der Anzeige des Offenbacher Nebenklägers. Und das weicht – wen wundert’s – stark von dem ab, was die beiden Angeklagten nun „gestehen“. Einzige Schnittmengen: der Ort, die Zeit und ein Teil der Vorgeschichte. Denn ohne die wäre es laut L. niemals zu dem „Zusammentreffen“ gekommen.

„Ich habe S. vor vier Jahren in einer Bar im Offenbacher Osten kennengelernt“, eröffnet der Deutsch-Bosnier die lange Historie. „2016 hab ich ihn dann zufällig wieder getroffen. Da kam er gerade aus dem Knast und hat mich wegen Geld angehauen.“ Die besagte Kneipe ist ein beliebter Treffpunkt für Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und geriet letztes Jahr wegen einer tödlichen Messerattacke in die Schlagzeilen. „Ich habe ihm 200 Euro geliehen, die er auch eine Woche später zurückzahlte. Kurz drauf wollte er noch mal Geld. Ich gab ihm 500, die ich aber nie wiedersah.“ Mehrere Anläufe, ihn zur Zahlung zu bewegen, seien gescheitert. „Ich fühlte mich an der Nase herum geführt“, so der 26-Jährige.

Am 31. Oktober 2017 sei man dann bei einer Geburtstagsfeier mit Offenbacher Verwandten zufällig auf den Namen des Schuldners gekommen: „Es hieß, er verkaufe an der Schule, die Sarahs 15-jährige Nichte besucht, Haschisch!“

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Die 23-jährige, nach islamischem Recht angetraute Ehefrau, Sarah N. erklärt: „Natürlich wollte ich wissen, ob sie kiffen. Und wir wollten wissen, ob es tatsächlich der S. ist, der meinem Mann immer noch Geld schuldet.“ Deshalb habe die Mutter eines zweijährigen Sohnes ihn unter dem Vorwand, einen Joint zu brauchen, angerufen und nach Offenbach in die Nähe seines Wohnsitzes gelockt. Dort traf man aufeinander. L. führt fort: „Ich habe eineinhalb Stunden an der Pizzeria gegenüber vom Kettelerkrankenhaus gewartet. Dann kam er und ich hab ihn zur Rede gestellt.“ Die Sache sei eskaliert und man habe sich geprügelt. „Ich hab ihm mit der Faust einen Schlag ins Gesicht gegeben, wir sind beide zu Boden gegangen und haben aufeinander gelegen. S. ist bewusstlos geworden.“ Er habe ihn aber wieder auf die Treppe setzen können und sei dann gegangen. „Ich habe ihm nichts weggenommen“, beteuert L. wiederholt seine Unschuld.

Ein weiterer Anklagepunkt betrifft die auf die Strafanzeige folgende Wohnungsdurchsuchung am 13. Dezember 2017 in Obertshausen. Dort soll sich L. der Vollstreckung durch die Polizeibeamten massiv widersetzt haben. „Die wollten mir nicht sagen, was gegen mich vorliegt“, so der Deutsch-Bosnier. „Sie haben nur den Beschluss ans Fenster gehalten. Als ich die Tür öffnete, sind fünf Zivilbeamte extrem aggressiv gegen mich vorgegangen. Einer hat mir die Pistole an den Kopf gehalten.“

Über eine Stunde dauert die mühsame Vernehmung des Nebenklägers. Mehrmals ermahnt Richter Kästing den Deutsch-Serben, doch konkret auf die Fragen zu antworten, anstatt immer wieder das Gleiche zu erzählen. S. betont seine Harmlosigkeit: „Ich habe noch nie Drogen verkauft. Der Anruf aus Offenbach war eine Einladung zu einer Party unter Landsleuten. Die Frau am Telefon sagte, sie hätten Frauenüberschuss und ich sollte doch gerne vorbei kommen. “ Er führt fort: „Als ich bei der Pizzeria ankam, sprang L. mit einem Satz von der Mauer und stand vor mir. Er sagte: ‘Gib mir deine Sachen, sonst stech ich dich ab!’. Dann gab es einen Schlag und er saß auf mir. Ich hatte Angst vor dem Messer, deshalb hab ich mich nicht gewehrt. Ich habe sieben oder acht Schläge abbekommen und eine Schnittverletzung.“ L. habe seine Taschen durchsucht, Handy und Schlüssel mitgenommen – Geld hatte er keins bei sich. Ja, Schulden habe er bei L. gehabt. Die seien aber beim Erwerb von 40 Gramm Cannabis entstanden. „Ich kann nicht verstehen, warum ich überfallen wurde“, beklagt der Offenbacher.

Noch heute habe er mit den Folgen der drei Gesichtsknochenbrüche, der Augenverletzung und der psychischen Traumata zu kämpfen. „Ich hätte ihm die Schulden doch bezahlt, wenn ich das Geld gehabt hätte.“ Zahlreiche Zeugen sollen nun zur Klärung der Widersprüche beitragen. Insgesamt drei Verhandlungstage sind geplant.

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