Regisseurin und Buchautorin Freya Klier berichtet

Leben im Überwachungsstaat der DDR

+
Freya Klier berichtete den angehenden Abiturienten aus ihrem bewegten Leben. 

Obertshausen - Einige ihrer Eltern drückten noch die Schulbank, als es mit der DDR zu Ende ging: Schüler des aktuellen Abitur-Jahrgangs an der Georg-Kerschensteiner-Schule lauschten gestern der Regisseurin und Buchautorin Freya Klier. Von Michael Prochnow 

Sie schilderte Repressalien, die nicht nur Künstler wie sie und ihren Mann Stephan Krawczyk trafen. Sie lebte im Kinderheim, weil ihr Vater inhaftiert war, unternahm nach dem Abi einen Fluchtversuch, saß im Knast, wurde bespitzelt, verfolgt, bedrängt und bedroht. Freya Klier hat praktisch alle Facetten des Stasi-Staats kennenlernen müssen, weil sie sich immer wieder gegen das Unrecht zur Wehr setzte – bis zur Wende an der Seite des Liedermachers und Schriftstellers Stefan Krawczyk. 1975 musste die DDR auf Druck der Vereinten Nationen Ausreiseanträge erlauben. Wer einen stellte, verlor Arbeit, Studien- oder Ausbildungsplatz und landete nicht selten hinter Gitter, berichtete der Gast. Wer Glück hatte, wurde von der Bundesrepublik freigekauft. Steffen Klier, der Bruder der Autorin, protestierte vor dem Staatssicherheitsgelände in Dresden und wurde in eine geschlossene Anstalt gesteckt.

Zwischen 30 Betten und bei Totenstille stierten die Inhaftierten Männer vor sich hin, zugedröhnt mit schweren Psycho-Pharmaka. Der Vater lernte den Stationsarzt kennen – strafversetzt wegen politischer Witze. Er mochte Steffen, doch der wurde nie rausgelassen. Der Vater schrieb sieben Mal an Politbüro und Honecker persönlich, bekam nie eine Antwort. 1979 nahm sich der Sohn mit 30 das Leben.

Die Schwester entschied: Jetzt trete ich an gegen sie. Als Kind hatte sie die Angst verloren, so viele Freunde waren mittlerweile tot, seelisch gestört oder geflüchtet. Sie engagierte sich im ersten Friedenskreis, gegründet unter dem Dach der evangelischen Kirche. Nach verschiedenen Jobs war es ihr gelungen, Regie zu studieren. Mithilfe des Netzwerks, das sie sich an den Bühnen geschaffen hatte, baute sie eine Bewegung auf, die sich durch die ganze DDR zog.

„Ohne Computer, und in der DDR hatten nur auserwählte neun Prozent der Bürger überhaupt ein Telefon“, skizzierte sie. 1984 hat sie noch in Leipzig den Preis der Theaterleute für die beste Inszenierung erhalten. In der Folge kamen Inszenierungsangebote aus Berlin, Dresden, Schwerin – und vom Großen Schauspielhaus in Frankfurt am Main. Im Kulturministerium bot man ihr an, „Sie können raus“, doch Freya Klier antwortete, „jetzt will ich hier etwas verändern“. Das „Deutsch“ im Namen der DDR stimme, „den Rest müssen wir uns erkämpfen“. Auch Krawczyk wurde nach seinem Berufsverbot vorgeladen und konnte ausreisen. Doch mit dem Vermächtnis ihres Bruders wollten sie ihre „Kraft hier einbringen“, entwickelten Szenen und Collagen zu Themen, die den Menschen auf den Nägeln brannten.

25 Jahre Deutsche Einheit: Freude und neue Herausforderungen

Zum Beispiel „Frau und Mann“, ließen sich in der DDR doch 42 Prozent der Ehepaare scheiden. Krawczyk gab Konzerte in Kirchen, dabei wurde an ihrem Auto die Bremsleitung manipuliert, ein Sender installiert, dem Künstler wurde die Fahrerlaubnis entzogen. Die Strafen summierten sich auf 14.000 Mark, doch die Fans sammelten für das Paar. Es sollte mit Nervengift ermordet werden, sie fühlt sich seitdem fahruntüchtig. Stephan wurde nach einer Demonstration verhaftet, die gemeinsame Wohnung immer wieder observiert und durchwühlt. „Das war bedrückend für meine Tochter Nadja“, erinnert sie sich. Schließlich musste auch Klier 1987 ins Gefängnis, die Tochter ins Heim.

Nach der Wende erfuhr sie aus den Stasi-Akten, dass ein großer Teil des gemeinsamen Freundeskreises für die Staatssicherheit arbeitete. Eine Verfolgung und Verurteilung der Verantwortlichen fand praktisch nicht statt, mahnte die Referentin, nur ein paar einzelne große Namen wanderten für kurze Zeit hinter Gitter. Die Bevölkerung sei desinteressiert, viele Schergen von damals versuchen heute, „die Deutungshoheit wiederzuerlangen“, bekleiden Ministerämter. Doch Freya Klier will weitermachen und mit der Geschichte ihres bewegten Lebens auch die nächste Generation wachrütteln.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare