Kerb 

Ein Schlag fürs kühle Blonde

Der Hahn sitzt: Ein Schlag mit dem Hammer genügte dem inzwischen routinierten Rathauschef beim Fassanstich.

Kerb heißt Kirchweih, und die erinnert an den Weihetag der Pfarrkirche. Dem Vereinsring und den katholischen Kirchengemeinden in der Stadt ist es gelungen, die alten Festtraditionen wieder mit ihren Wurzeln zu verbinden.

Obertshausen – Das verstärkte Pfarrer Christoph Schneider mit einer viel beachteten Predigt im Festgottesdienst zum Auftakt der Hausener Kerb.

Begleitet von Musikern des Blasorchesters der Turngesellschaft (TGS) Hausen und Mitgliedern der teilnehmenden Vereine, Bürgermeister und Erstem Stadtrat zog der Kerbborsch bei brütender Hitze um St. Pius. Zwischen Kinderkarussell und Mini-Schiffschaukel, Schießstand und Süßwaren erreichte die Gruppe schließlich das Hauptportal des Gotteshauses, wo sie von Ministranten und Seelsorger empfangen wurde.

Das Ensemble spielte diesmal nicht allein zu Ein- und Auszug auf, sondern begleitete auch die Gesänge des Gottesdienstes. Mit viel Rücksicht auf jene Besucher, die mit den katholischen Bräuchen und Praktiken weniger vertraut sind, erläuterte Pfarrer Christoph Schneider die Elemente der Messfeier. Und fand eine lebensnahe Verbindung zwischen der Frohen Botschaft Jesu Christi und der aktuellen Welt.

In die Kirche werde viel Freud‘ und Leid getragen, begann Schneider – und erinnerte an den Kriegsausbruch vor 80 Jahren. Heute bewege viele Menschen die Angst vor einem Rechtsruck bei den Landtagswahlen im Osten. „Obertshausen hat die Wahl eines neuen Bürgermeisters im nächsten Jahr“, rückte er noch näher in die Gegenwart, „vielleicht kandidiert noch ein Dritter“.

Wichtiger aber sei das Profil eines Politikers, damit man ihm vertrauen kann. Das erfordere Klarheit, Demut und Barmherzigkeit. Klarheit sei die Aussage, „dafür stehe ich“. Auch Jesus habe ein klares Profil für sein Reich, anbiedern und Habgier passten nicht zu ihm. Er wende sich den Kleinen und Verwundeten zu, sei „als der Allerletzte“ an einem Kreuz gestorben.

„Demut wird häufig mit Zurückhaltung verwechselt. Es ist jedoch eine gesunde Selbsteinschätzung, wissen was man will und kann, nicht größenwahnsinnig zu werden, Grenzen zu achten. So kann man gut Konflikte überwinden.“ Die Barmherzigkeit gebe ohne Gegenleistung, forderte Schneider auf, anderen ein Lächeln zu schenken, Danke zu sagen, „den Alltag eines Menschen zu versüßen“. „Es ist mutig, wenn heute Menschen in die Öffentlichkeit gehen, für demokratische Werte einstehen“, dankte der Theologe den Politikern und den Ehrenamtlichen. „Geschichte muss ernst genommen werden“, meinte er und ergänzte, „so können wir Freunde Gottes werden, das ist eine Freundschaft, die trägt“.

Mitglieder des Vereinsrings verlasen Fürbitten für Leute, die sich zum Wohle der Stadt engagieren, für jene, die aus Not oder zum Arbeiten nach Obertshausen gekommen sind, sowie für Angehörige von Feuerwehr und Rettungsdiensten.

Auf dem Kirchplatz war die Predigt auch nach dem Festgottesdienst noch Gesprächsthema. Bürgermeister Roger Winter wiederholte die Worte und den Dank – und brachte das Bier mit einem Schlag auf den Hahn zum Laufen. Luis Galvez, Vorsitzender des Vereinsrings, rief die acht Vereine auf, die auf dem Gelände eine große kulinarische Vielfalt und Spielideen anboten.

Und wie inzwischen ebenfalls bereits liebe Tradition, wurde es zum Auftakt der Hausener Kerb einmal mehr sportlich. Am Nachmittag fiel nämlich auch der Startschuss zum diesjährigen Stadtradeln. Bis zur Kerb in Obertshausen in drei Wochen können die Teilnehmer so viele Kilometer sammeln, wie möglich.

Der bunte Schlagerabend im Anschluss mit der Band „Rex Kaiser und die Schlagerholme“ lockte viele auf die Tanzfläche und klang in der lauen Sommernacht noch lange nach. VON MICHAEL PROCHNOW

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