Kampf ums und im Domizil

Schock über Verletzten in Flüchtlingsunterkunft

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Stunde Null in der Flüchtlingsunterkunft: Das Foto entstand unmittelbar vor dem Einzug der ersten Bewohner.

Obertshausen - Für die Unterbringung von Flüchtlingen nutzt die Stadt seit gestern auch den Gymnastikraum der Badstraßen-Sporthalle. Von Marcus Reinsch 

Diese Botschaft fällt zusammen mit dem Polizeibericht über einen Kampf zwischen zwei Algeriern in der gegenüber liegenden Asylbewerberunterkunft, nach dem ein 18-Jähriger verletzt in der Klinik liegt. Die Stadt denkt an einen Sicherheitsdienst. Es gibt Tage, die würde Bürgermeister Roger Winter aus dem Kalender tilgen, wenn er könnte. Gestern war so ein Tag. Am Morgen stürzten sich Medien auf die Nachricht von einem Streit in der Flüchtlingsunterkunft in der Georg-Kerschensteiner-Straße, bei dem ein 31 Jahre alter Algerier einen 18-jährigen Landsmann verletzte. Der Jüngere liegt jetzt mit mehreren Stichwunden und einer Kopfverletzung in der Klinik, der ältere sitzt bei der Polizei.

Und am Nachmittag musste Winter Gerüchte, dass die Stadt Flüchtlinge nun auch in der Badstraßen-Sporthalle unterbringen wird, teilweise bestätigen. „Teilweise“ heißt: Belegt wird nicht die Drei-Felder-Halle selbst, sondern ein kleinerer Gymnastikraum. Gestern Abend sollte es soweit sein. Montags ist für Flüchtlinge Anreisetag, nachdem Land und Kreis sie durchgereicht haben. Dass es soweit gekommen ist, liegt grundsätzlich am Umstand, dass die Domizile für Flüchtlinge mittlerweile so gut wie voll belegt sind. Darüber hinaus ist es einer selbst für heutige Verhältnisse außergewöhnlichen Situation geschuldet. Winter: „Der Kreis hatte uns für diese Woche eine Zuweisung von zehn Flüchtlingen angekündigt.“ Eine Zahl von Menschen, die noch in bestehende Unterkünften hätten aufgenommen werden können. Vergangenen Freitag habe sich dann aber herausgestellt, „dass vielmehr 21 Personen zugewiesen werden sollen“.

Die Stadtverwaltung habe dann zwar bis weit nach Mitternacht beraten, wie noch Plätze zur Verfügung gestellt werden könnten. Doch das sei so kurzfristig nicht mehr möglich gewesen. Denn „uns ist mitgeteilt worden, dass eine 14-köpfige afghanische Familie mit einem Säugling von uns untergebracht werden muss“. Und diese Familie könne unmöglich auf verschiedene Einrichtungen oder Wohnungen verteilt werden. Also der Gymnastikraum „zur vorübergehenden Unterbringung“. Die von dieser Umwidmung betroffenen Vereine hätten leider erst gestern informiert werden können, sagt Winter.

Wie in anderen Städte steige die Flüchtlingszahl seit knapp zwei Jahren auch in Obertshausen stetig. Bisher sei es noch gelungen, „die Menschen dezentral, insbesondere in städtischen Wohnungen, unterzubringen“. Doch nun brauche die Stadt, das ist Winters Appell an übergeordnete Stellen, „dringend eine Verschnaufpause, um wieder Plätze zu schaffen“. Reguläre Unterbringungsmöglichkeiten gebe es nicht mehr, nachdem Oberts-hausen alle Möglichkeiten bis zur zeitweisen Hotelunterbringung ausgeschöpft habe.

Anfangs für 40 Menschen geplant, jetzt mit 80 besetzt

Die anfangs für 40 Menschen geplante in der Georg-Kerschensteiner-Straße sei nach der Ausstattung mit Doppelstockbetten im Herbst mit 80 Personen voll besetzt. Mehr als 20 städtische Wohnungen seien genutzt. Und erst im Dezember sei ein komplettes Wohnhaus von der Stadt als Unterbringung hergerichtet worden. Dort leben 33 Flüchtlinge. Insgesamt waren in Obertshausen am 8. Januar 209 Asylbewerber und 27 Asylberechtigte untergebracht. Diese Zahl dürfte seit gestern um mindestens knapp zwei Dutzend höher sein. Der Hintergrund der Körperverletzung im Containerdorf gegenüber der Sporthalle an der Badstraße, die Obertshausen gestern bundesweit Aufsehen brachte, liegt noch im Dunklen. Eventuell war Alkohol im Spiel; anfangs war in Sachen Tatwaffen von einem Bettpfosten und einer Bierflasche die Rede gewesen.

Gegen 22.15 Uhr am Sonntag waren bei der Polizei Notrufe von Bewohnern der Unterkunft eingegangen. Die ersten Streifen fanden den 18 Jahre alten Algerier verletzt in seinem Zimmer. Er war nicht ansprechbar. Sein Kontrahent, ein 31 Jahre alter Landsmann, war verschwunden. Polizisten stöberten ihn aber einige Zeit später und nach Bürgermeisters Winters Angaben ebenfalls mit Hilfe anderer Flüchtlinge in seinem Versteck auf dem Gelände der Unterkunft auf. Sie nahmen ihn vorläufig fest.

Verletzungen doch nicht so gravierend

Nach einer ärztlichen Untersuchung des 18-Jährigen am Vormittag stellte sich heraus, dass seine Verletzungen nicht so gravierend zu sein scheinen wie zunächst angenommen. Die Offenbacher Kripo ermittelt. Der Verletzte war Bewohner der Unterkunft. Der mutmaßliche Täter hingegen hielt sich nach Kenntnis der Stadt nur als Besucher im Zimmer des Verletzten auf.

Die Stadt reagiert erschüttert auf den Vorfall. Die Stadt habe ergänzend zur eigentlichen Zuständigkeit beim Kreis selbst neue Beschäftigte eingestellt, um die Flüchtlinge zu betreuen. Diese seien insbesondere tagsüber in der Einrichtung. Und abgesehen von kleineren Auseinandersetzungen habe es bisher trotz der starken Belegung auch keine ernsthaften Konflikte gegeben. Mit Blick auf die große Zahl neuer Flüchtlinge, sagt Bürgermeister Winter, würden nun allerdings weitere Maßnahmen geprüft.

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Zum Schutz der Bewohner vor Bedrohungen von außen und von Leuten, „die sich unberechtigt in der Unterkunft aufhalten“, werde über einen Sicherheitsdienst nachgedacht. Winter: „Wir müssen wohl auf Vorfälle wie in Dreieich (Schüsse auf eine Unterkunft, Anm. d. Red.), aber auch auf andere Störer reagieren.“ Die Flüchtlinge selbst seien offen für Sicherheitsmaßnahmen von einer noch strengeren Hausordnung bis zur Beauftragung eines Sicherheitsfirma, weil sie erkennen, dass sie ihrem Schutz dienen.

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