117 Schüler der Georg-Kerschensteiner-Schule erlangen Hochschulreife

Trotz Furcht dem Abi gestellt

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Der scheidende Lehrer Michael Novak (links) und Schulleiter Dirk Ruber ehren die sechs Abiturienten, die sich mit einem Notenschnitt von 1,6 bis 1,1 an Unis und Ausbildungsstätten bewerben dürfen.

Obertshausen - Wie in jedem Sommer feierten am vergangenen Samstag Absolventen der Georg-Kerschensteiner-Schule (GKS) im Hausener Bürgerhaus bei üppigem Buffet ihr Abitur. Neben Teilen der Lehrerschaft sitzen auch die Eltern mit an den Tischen. Von Stefan Mangold 

Ein Punkt, der zeigt, wie sehr sich die Gesellschaft wandelte: In früheren Jahren wäre die Präsenz der Altvorderen bei einem Abifest kaum vorstellbar gewesen. Aber das kulturelle Gefälle zwischen den Generationen ist verschwunden. Eltern von heute stehen als Kinder der 68er nicht mehr im Generalverdacht, auf Feten als Spaßbremsen zu fungieren.

Im aktuellen Jahrgang bestanden 117 Schüler das Abitur; 123 hatten sich zu den Prüfungen angemeldet, berichtet Michael Novak am Rande. Der 38-Jährige unterrichtet auf dem berufsbezogenen Gymnasialzweig der GKS Erdkunde und Englisch. Novak organisierte in den vergangenen fünf Jahren den Abi-Ball im Bürgerhaus maßgeblich mit.

Durchs Abitur zu rauschen, dürfte zu jenen Erfahrungen zählen, von denen man noch im hohen Alter schlecht träumt. Es braucht nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, wie sich gerade jene fühlen, die es nicht geschafft haben, die jetzt wohl irgendwo mit dem Wissen traurig herumsitzen, dass die Klassenkameraden gerade ihren Erfolg feiern und zumindest meinen zu wissen, wie ihr Leben von jetzt an weiter verläuft.

„Jene, die es nicht geschafft haben, sind heute auch dabei“, überrascht Novak. Zwei von ihnen träten im nächsten Jahr noch mal an, „und wir haben keine Zweifel, dass sie es dann packen“. Die vier anderen absolvierten ein einjähriges Praktikum, an dessen Ende die Fachhochschulreife winkt, „man kann damit an der Technischen Hochschule in Darmstadt oder an der Fachhochschule in Frankfurt studieren, nur an keiner Universität“. Der Unfall lasse sich also verschmerzen.

Als Michael Novak mit Schulleiter Dirk Ruber auf der Bühne die sechs besten Abiturienten ehrt, die sich mit einem einen Schnitt von 1,6 bis 1,1 im Zeugnis bewerben können, erklärt der Pädagoge bei Lena Groger, die als Prima abschloss, „das lässt mich vor Neid erblassen“. Er selbst habe sich mit einem Schnitt von 2,5 zufrieden geben müssen und nach dem Abitur erst mal eine Ausbildung als Restaurantfachmann absolviert, im Frankfurter Hof der Steigenberger-Kette.

Abitur und Schulabschluss: Klassenbilder aus der Region

Die meisten Lehrkräfte, die in der berufsbezogenen gymnasialen Oberstufe unterrichten, haben neben dem Studium einen Ausbildungsberuf abgeschlossen. Leistungskurse an der GKS nennen sich Gesundheits-, Ernährungs- und Wirtschaftslehre. Neben den gängigen Fächern wie Deutsch, Mathematik oder Englisch muss jeder einen der drei belegen. Viele studieren später Medizin oder Wirtschaftswissenschaften.

Es sei aus mehreren Gründen für Lehrer von Vorteil, auf andere berufliche Erfahrungen zurückblicken zu können. So ließen sich vielfach alte Kontakte in die Betriebe für die Schüler nutzen, „zum anderen kennt man die Realität, von der man spricht, nicht nur abstrakt“.

Während seiner Ansprache bedauert es Schulleiter Ruber, dass sich „Kollege Michael Novak am Ende seines letzten Schuljahres an der GKS befindet“. Der Pädagoge wechselt an ein Gymnasium nach Stuttgart. Seine Frau ist dort beruflich engagiert.

Ruber referiert ansonsten über „Mut haben!“. Während des alljährlichen Volleyballturniers im Januar hätten ihm Schülerinnen des Abiturjahrgangs das Thema vorgegeben: „Sie stellten sich den Prüfungen, obwohl sie sich mit Sicherheit mehr oder weniger davor fürchteten.“ Ruber spricht außerdem dem Mut zur eigenen Meinung das Wort. „Lassen sie sich nicht von Meinungsdiktaten und Einschüchterungsversuchen abschrecken“, gibt der Schulleiter den Abiturienten mit auf den Weg, „und scheuen Sie sich nicht, Ihre Meinung zu ändern, wenn Sie sich eines Besseren besonnen haben“.

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