Schuhmachermeister zeigt, wie aus Leder eine Latsche wird

Feines für die Füße

+
Die Verarbeitung von Leder zu einem Schuh kann auf eine lange Tradition zurückblicken; die Anforderungen an die Schuhmacher sind indes gestiegen.

Obertshausen - Schuhmacher gibt es schon viele Jahrhunderte. Doch im Laufe der Zeit hat sich der Beruf gewandelt. Andreas Jagic führt den Meisterbetrieb seines Vaters weiter und weiß, welche Herausforderungen in der Zukunft warten. Von Michael Prochnow 

Andreas Jagic spannt den dünnen Leinenfaden und zieht ihn dann über den Pechstein. Dann rollt er ihn ein paar Mal über den Oberschenkel und reißt ihn durch. Diesen Vorgang wiederholt er zweimal und legt die Stränge übereinander. Der Mann unterrichtet nicht etwa alternatives Stricken, er ist Schuhmachermeister. Und zwar der einzige, der in der Stadt noch eine eigene Werkstatt führt. Im Karl-Mayer-Haus hat er eine historische Arbeitsstätte aufgebaut. Dazu gehört auch eine Wasserkugel, die das Licht einer Kerze bündelt. Dank dieser Konstruktion konnten die Menschen auch in der Dämmerstunde noch nähen. Unter diesen altmodischen Bedingungen demonstriert Jagic, wie der Faden mit Hilfe einer Ahle durch die Ledersohle gezogen wird.

Es sei sehr zeitaufwendig, Schuhe mit der Hand zu fertigen, erklärt der Fachmann. Die meisten Schuster würden darum von der Reparatur leben. Und immer noch würde der Laie die Bedeutung eines hochwertig gearbeiteten Schuhs unterschätzen, so der Spezialist und rät seinen Zuhörern, ihr „Fundament zu unterstützen“.

Der modische Aspekt stehe oft den gesundheitlichen Bedürfnissen entgegen. „Wir denken nicht an unsere Füße, vielleicht, weil sie so weit vom Kopf entfernt sind?“, scherzt er mit den Besuchern, die sich zur Demonstration der alten Handwerkskunst im Obergeschoss des Karl-Mayer-Hauses eingefunden hatten. Aber der Mann weiß, wovon er spricht und hat den Familienbetrieb im Jahr 1995, kurz nach seiner Meisterprüfung, auf orthopädisches Schuhwerk spezialisiert. Heute fertigt er auch Einlagen für Sicherheitsschuhe nach der sogenannten Baumusterprüfung für Arbeiter in Hanau und am Flughafen an. Aber orthopädische Einlagen würden auch bei deformierten Füßen benötigt.

Da ist viel medizinische Expertise gefragt: Der Handwerker muss die Krankheiten und die Materialien kennen. Viele Jahre hätten sich Jugendliche nicht für das Handwerk des Schuhmachers interessiert. Aber langsam gingen die Lehrlingszahlen wieder bergauf, erzählt Jagic. Vor allem Mädchen würden heutzutage gerne Schuster werden.„Die haben das Potenzial des kreativen Schuhmachers entdeckt“, sagt er. Sie möchten ihr Schuhwerk selbst entwerfen und selbst zusammenbauen können.

Wie werde ich...? Schuhmacher/in

Aber jetzt, wo das Interesse der Jugend am Schuhmacher-Handwerk wächst, gibt es neue Probleme: Bildeten vor der Jahrtausendwende kreisweit zehn von 15 Firmen aus, gebe es heute gerade noch drei. Deshalb macht der Handwerker mit solchen Präsentationen wie im Karl-Mayer-Haus gerne Werbung für seine Zunft. Am Sonntag, 22. Mai, ist er wieder vor Ort und zeigt den Besuchern, wie ein Schuh draus wird.  (M.)

Kommentare