Totschlag

Mordfall im Kreis Offenbach: Ehemann verurteilt – „Sie wissen selbst, dass Sie Ihre Frau getötet haben“

Am Rand der Gänsbrüh erinnern Fotos an die Frau aus Hausen, die dort tot gefunden wurde.
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Am Rand der Gänsbrüh erinnern Fotos an die Frau aus Hausen, die dort tot gefunden wurde.

In dem grausamen Mordfall einer jungen Frau in Obertshausen im Kreis Offenbach gibt es nun ein Urteil: Wegen Todschlags muss der Ehemann für zehn Jahre ins Gefängnis.

Obertshausen – Neun Verhandlungstage in über vier Monaten, sechs Sachverständige und 33 Zeugen wurden benötigt, um das Verbrechen in der Dudenhofener Gänsbrüh aufzuklären (wir berichteten). Eine 29-jährige Mutter zweier Kinder aus Hausen wurde dort im November 2020 tot aufgefunden. Jetzt fiel vor dem Landgericht Darmstadt endlich das Urteil. Die Findung gestaltete sich alles andere als einfach: Staatsanwältin Lydia Wurzel forderte lebenslange Haft wegen Mord, Verteidiger Onur Türktorun Freispruch.

Im Ergebnis ist der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer Volker Wagner von der Schuld des 35-jährigen Angeklagten S. überzeugt, folgt aber dennoch nicht ganz der Staatsanwaltschaft. Er verurteilt den bis zum Ende schweigenden Ehemann zu zehn Jahren Haft wegen Totschlag. „Sie wissen selbst, dass Sie Ihre Frau getötet haben, weil sie sich einem neuen Lebenspartner zugewandt hatte“, leitet der Richter die Urteilsbegründung ein. Für einen Mord käme zwar durchaus der niedrige Beweggrund der Eifersucht in Frage. Jedoch könne die Tat auch durchaus aus einer „spontanen Handlungsweise und Verzweiflung“ passiert sein. Um dem näher zu kommen, hätte man unbedingt den älteren Sohn des Paares in den Zeugenstand rufen müssen. Das wollte man dem Zehnjährigen ersparen.

Obertshausen (Offenbach): Die Obduktion ergibt ein eindeutiges Gewaltverbrechen

Wagner rekonstruiert die Vorgeschichte: „Ein paar Monate vor der Tat hat die getötete N. bei der Arbeit einen neuen Mann kennengelernt. Aus ihren WhatsApp-Videobotschaften geht eindeutig hervor: Sie wollte sich trennen.“ Am 23. November 2020 wollte N. eine endgültige Aussprache mit ihrem Mann. „Sie war eine tüchtige und strebsame Frau, hatte sich die Teilhaberschaft einer Gebäudereinigungsfirma erarbeitet. Sie war für ihre Positivität und ihr Lachen bekannt, auch wenn es ihr schlecht ging.“ Er dagegen sei eher das Gegenteil gewesen. Habe sein Ding gemacht, sich daheim nicht groß gekümmert.

Am 24. November 2020 um 6.50 Uhr wählt der Ehemann den Notruf und einige Bekannte an: „Meine Frau wollte gestern Abend nach einem kleinen Streit Zigaretten holen und ist nicht zurückgekommen! Ich bin dann eingeschlafen...“ Zu der Zeit lag die junge Frau schon tot mit dem Oberkörper im Gänsbrüh-Teich. Vier Stunden später finden zwei Stadtwerke-Mitarbeiter die Leiche. Die Obduktion ergibt ein eindeutiges Gewaltverbrechen, die genaue Todesursache kann nicht hundertprozentig geklärt werden. Vier bis fünf Minuten soll sie gewürgt worden sein, dann brach der Kehlkopf. Weil sie danach wohl noch Vitalfunktionen zeigte, wurde ihr mit einem stumpfen Gegenstand mindestens fünf Mal auf den Kopf geschlagen, was Frakturen und ein offenes Schädelhirntrauma verursachte.

Obertshausen (Offenbach): Blutspuren trugen unter anderem zur Schuldlast bei

Schlussendlich kommt auch der Tod durch Ertrinken in Frage: In ihrer Lunge wurden Kieselalgen gefunden. Auch wenn kein direkter Beweis zum Angeklagten führt – die Indizienlast ist für S. erdrückend. Das zeigen die digitalen Auswertungen seines Smartphones und Autos. Sowohl Telefon als auch das PKW-Navigationssystem waren zwar ausgeschaltet, die technischen Prozesse und Aufzeichnungen, die im Hintergrund liefen, hatte S. aber wohl kaum auf dem Schirm, als er seine Ehefrau mutmaßlich im Kofferraum entsorgte und nicht, wie er angab, zu Hause im Bett lag.

Das Auto wurde in der Nacht zwei Mal bewegt. Mehrmals wurden Türen, beziehungsweise der Kofferraum geöffnet. Auch das Smartphone schrieb genau mit, wo es sich vor und nach dem Ausschalten befand: WiFi zu Hause, WiFi in der Nachbarschaft. Und einige Zeit später das Ganze wieder rückwärts. Darüber hinaus trugen Blutspuren in der Wohnung, sowie Faserspuren im Kofferraum ihren Teil zur Schuldlast bei. Der Angeklagte ist nicht vorbestraft. Rechtsanwalt Türktorun kündigt Revision an. (Silke Gelhausen)

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