Sozialdemokratin Julia Koerlin

Teil der neuen Sachlichkeit

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Julia Koerlin sieht ihrer Aufgabe als Stadtverordnetenvorsteherin optimistisch entgegen.

Obertshausen - Vergangene Woche wurde Julia Koerlin zur Stadtverordnetenvorsteherin gewählt. Die Psychiaterin fühlt sich auf ihre Rolle gut vorbereitet und setzt auf einen gerechten Umgang im Parlament. Von Rebecca Röhrich 

Julia Koerlin schätzt nicht das Rampenlicht. Das wird schnell klar, wenn man der Frau mit dem aparten Gesicht zum ersten Mal begegnet. Im Gegenteil: Die 61-Jährige mit dem schulterlangen, grauen Haar und den hellblauen Augen geht es auch in der Politik um die Sache, um Ergebnisse und deren Umsetzung. So sachlich und überlegt wie das Auftreten der Psychiaterin, so nüchtern und zurückhaltend ist auch ihr Büro im Gefahrenabwehr- und Gesundheitszentrum in Dietzenbach eingerichtet, wo sie den Sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises leitet. Die für ein Arztzimmer obligatorische Patientenliege steht an einer Wand, an der anderen der Schreibtisch, zwei Stühle. Nichts liegt herum, kein Klimbim. Ein paar dezent aufgehängte Bilder geben dem Raum eine persönliche Note.

Das Persönliche, das ist schnell klar, behält Julia Koerlin lieber für sich. Sicher eine gute Voraussetzung für das Amt der Stadtverordnetenvorsteherin. Das findet die gebürtige Wiesbadenerin auch. „Durch meinen Beruf habe ich früh gelernt, Distanz zu wahren“, erzählt sie. So ließe sich am besten auch durch turbulente Sitzungen führen. Neutralität sei wichtig in dieser Position. „Manchmal können bei den Stadtverordnetenversammlungen schon die Wogen hochgehen“, sagt sie und fügt nach kurzem Nachdenken lächelnd hinzu: „Auch Gelassenheit ist da eine gute Eigenschaft.“

Auch wenn ihr neues Amt Neutralität fordert, steht Julia Koerlin zu ihren sozialdemokratischen Wurzeln. Zum Beispiel wenn es um den neuen Rechtsruck in Deutschland geht. Denn der Widerstand gegen Neonazis war es auch, der sie 1992 dazu brachte, in die SPD einzutreten. „Ich habe den Sozialdemokraten am ehesten zugetraut, den aufkeimenden Nationalismus zu verhindern“, erinnert sie sich. Damals randalierten Rechtsextreme vor Wohnheimen vietnamesischer Arbeiter in Rostock-Lichtenhagen. Auch ein Asylbewerberheim brannte unter dem Applaus tausender Schaulustiger.

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Wie es der Zufall will, war Julia Koerlin damals vor Ort, schlief nicht weit von den Krawallen in einem Wohnwagen. Zwar habe sie nichts direkt davon mitbekommen. Aber es sei ein mulmiges Gefühl geblieben. Sie habe sich oft gefragt, was geschehen wäre, wenn die Randalierer an dem Wohnwagen vorbeigezogen wären. „Du musst dich bekennen“, sei ihr damals klargeworden. Ihr bis dahin passives Interesse an Politik mündete also in einer Mitgliedschaft bei der SPD.

Die Entscheidung, beim Sozialpsychiatrischen Dienst zu arbeiten, habe sie, auch Anfang der 1990er, bewusst gefällt. Selbst habe sie zwar aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung wenig Diskriminierung erfahren, zumindest habe sie diese nicht bemerkt, fügt sie augenzwinkernd hinzu. Aber die Gleichstellung psychisch und physisch Kranker war ihr für ihr berufliches Leben ein wichtiges Anliegen. Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen in einer Gesellschaft, somit ein aktuelles Thema, dass ihr sehr am Herzen liegt. Der Zeit als Stadtverordnetenvorsteherin blickt sie optimistisch entgegen. Der Umgang der Stadtverordneten untereinander sei in den letzten Jahren sachlicher geworden. Und wenn bei einer Versammlung die Wogen doch zu hoch schlagen, weiß sie dem zu begegnen: Mit Gelassenheit und Distanz.

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