Eine Kunst mit Kissen und Faden

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Sieglinde Siegler vom Sächsisch-erzgebirgischen Klöppelverband demonstrierte im Karl-Mayer-Haus die anspruchsvolle Technik.

Obertshausen - „Wir wissen gar nicht, wie luxuriös wir leben.“ Gudrun Borck von der Deutschen Spitzengilde wies mit ihren Begrüßungsworten auf die Geschichte der Spitze und der Klöppeltechnik hin. Von Michael Prochnow

Diese wird mit zahlreichen Exponaten in der neuen Ausstellung im Karl-Mayer-Haus dokumentiert. Sieglinde Siegler vom Sächsisch-erzgebirgischen Klöppelverband eröffnete die Schau „Klöppelspitzen zwischen Tradition und Moderne“ mit einem tiefen Einblick in die Historie.

Das Spitzenklöppeln kam vor rund 450 Jahren in die Gegend um Annaberg. Dort erfuhr es eine große Bedeutung zu der Zeit, als die Erträge aus dem Silberbergbau schwanden. Frauen und Kinder verdienten so ein karges Zubrot.

Im Jahre 1561 wurde ein so genanntes Klöppelwerk eingerichtet, in dem die Herstellung hochwertiger Textilien gelehrt wurde. In den Höhen des Erzgebirges wächst der Flachs, unterrichtete die Referentin, die Grundlage für die Spitzenkunst. Als den Bewohnern auch die Einnahmen aus der Holzwirtschaft nicht mehr zum Leben reichten, verdienten sich viele mit dem Klöppeln in Heimarbeit etwas dazu.

Klöppel, Kissen und Faden

Klöppel, Kissen und Faden konnten leicht transportiert und versteckt werden, schilderte Sieglinde Siegler. „Das war besonders während des 30-jährigen Krieges wichtig“. Wer überlebte, grub sich die Geräte aus Gärten und Wald aus und begann wieder zu arbeiten. Der Handel war sehr schnell belebt, vor allem durch die Mode-Vorgaben aus Frankreich und den Aufstieg der Leipziger Messe.

Die Städte Annaberg, Marienberg, Schneeberg, Schwarzenberg und Wiesenthal entwickelten sich zu Zentren des Klöppelns. Die Arbeiterinnen selbst durften jedoch nicht die Kleider tragen, die sie herstellten, das war adligen Herrschaften und bürgerlichen Kreisen vorbehalten, erzählte die Lehrerin in dem Werkstattmuseum.

Das anspruchsvolle Handwerk ließ alsbald die Zulieferindustrie erblühen. Es siedelten sich Firmen an, die Nadeln produzieren, die Klöppel und die Säcke, auf denen die kostbaren Werke entstehen. Die ersten Maschinen kamen aus England und standen in Schneeberg, führte die Fachfrau ihren Ausflug in die Geschichte fort. 1878 wurde die Königliche Zeichenschule eröffnet.

Die „Baupläne“ für die Textilien entwerfen

Dort lernten Schüler, die „Klöppelbriefe“, die „Baupläne“ für die Textilien, zu entwerfen. Sie werden über ein Kissen oder einen Sack gelegt, an den vorgesehenen Stellen werden die Nadeln eingesteckt, um diese dann nach festen Vorgaben die Fäden gelegt . In der Region beiderseits der tschechischen Grenze erfreue sich die Herstellung von Spitzen bis heute großer Beliebtheit.

In den 1960er Jahren lernten Interessierte das Zeichnen von Mustern, Farbenlehre, Symmetrie, Verdichtung sowie Collagen. Viele der von der DDR geförderten Schulen mussten nach der Wiedervereinigung schließen. Derzeit existieren noch drei Einrichtungen. Der neu gegründete Klöppelverband setzte die Einrichtung einer Lehre zur staatlich geprüften Fachkraft für Klöppeltechnik durch.

Im Heimatmuseum sind auch Arbeiten von Kindern, Naturmotive und Reliefs aus Kupferdraht zu sehen sowie ein ausgezeichnetes Abendkleid mit Hut. Die Ausstellung ist wieder am 29. Januar und bis zum 25. März alle 14 Tage sonntags von 14 bis 17 Uhr und nach Absprache mit Gudrun Borck, Telefonnummer 06103/ 22138, zu sehen.

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